Frühjahrsserie "Digitales Leben"

Zwei Beispiele: Das Leben funktioniert auch ohne Smartphone

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Auch ohne froh: Die Geschäftsfrau Angela Wagner (55) lehnt ein Smartphone in ihrem Leben ab. Festnetz und E-Mail reichen aus, um ihren Betrieb zu führen, und auch privat fühlt sie keine Defizite – ganz im Gegenteil.

Rund um die Uhr erreichbar sein: Das bringt die Benutzung eines Smartphones ungewollt mit sich. Zwei Menschen berichten, wie ihre Leben ohne das Multifunktionsgerät aussieht. 

Sie lassen sich nicht in Gruppen einladen, um hinter dem Rücken Betroffener deren Geburtstagsparty zu organisieren, sie partizipieren nicht an lustig gemeinten Selfies von allen Orten der Welt und sind nicht an den sogenannten Food-Pornos (man fotografiert sein Mittagessen und verschickt das Bild) interessiert: die konsequenten Smartphone-Verweigerer.

Denn das, was dem Großteil der Menschheit als der reinste Segen erscheint, haben sie für sich als Stressfaktor erkannt, den es zu meiden gilt.

Die Geschäftsfrau Angela Wagner (55) ist da ganz klar: „Ich bin nicht die Bundeskanzlerin und muss deshalb auch nicht 24 Stunden am Tag erreichbar sein“, sagt sie. Ein Smartphone würde für sie bedeuten, beim System und dessen irrsinnigen Tempo mitzuspielen. „Was ich der Menschheit zu geben habe, ist Zeit und ich muss Zeit haben“, sagt die Inhaberin eines Gasthauses mit Gästezimmern in Meinhard.

Dass sie seit einem Jahr überhaupt ein Handy besitzt – eins von der mittelalterlichen Sorte mit Tasten, einer SMS-Funktion und der Fähigkeit zu maximal drei Fotos – sei allein der schweren Erkrankung ihrer Mutter geschuldet. Für ganz kurze Zeit habe sie mal eine Rufumleitung ihres Festnetzanschlusses aktiviert. „Beim Einkaufen klingelt das Telefon und ein Mann erzählt mir, dass er überlegt, in ungefähr zwei Jahren vielleicht seinen runden Geburtstag bei mir zu feiern“, erzählt sie. „Ich konnte nichts sagen, hatte keinen Kalender und war zudem damit beschäftigt, meinen Einkauf zu erledigen.“ Dafür zitiert sie einen unbekannten Buddhisten: „Wenn ich Kartoffeln schäle, schäle ich Kartoffeln.“

Natürlich lebt auch Angela Wagner nicht ohne Digitales. Zweimal am Tag checkt sie ihre E-Mails an ihrem stationären Computer, beantwortet Buchungsanfragen, pflegt ihre Website und surft im Netz – wie alle anderen auch.

Mitnichten ist das Smartphoneverweigern aber eine generationenspezifische Angelegenheit. Dennes Wolf ist erst 28, geht einem Beruf nach, in dem Kommunikation und schnelle Information fast alles bedeuteten. Auch er überlebt ohne Smartphone, besitzt das Grundmodell eines Mobilfunktelefons. „Es schreckt mich ab, zu sehen, wie oft andere Menschen an ihrem Handy hängen – da fehlt mir nichts“, sagt Wolf. Die Menschen in seinem privaten und beruflichen Umfeld haben sich daran gewöhnt, auch wenn sie die Verweigerung eher wie eine Marotte betrachten. „Wem ich nicht wichtig genug bin, dass er sich die Zeit nimmt, mich anzurufen, ist auch verzichtbar.“ Auch er lebt nicht ohne Technik, er schaut fern, zockt an der PS 4, hat Facebook. Aber eben nicht auf dem Handy. „Da ist alles gebündelt drauf. Das ist das Gefährliche.“ Aber er räumt ein, würde er ein Smartphone besitzen, nicht viel anderes als alle anderen damit umzugehen. „Meine Verweigerung ist eigentlich die reine Prävention.“

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