Eigentlich wollte sie Medizin studieren

Schnellrestaurant statt Arztpraxis: Vierfache Mutter Hannah Zindel ist die beste Auszubildende Hessens

Sie ist die Beste: Hannah Zindel (31) hat den besten Abschluss in ganz Hessen gemacht.
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Sie ist die Beste: Hannah Zindel (31) hat den besten Abschluss in ganz Hessen gemacht.

Sie ist die beste Auszubildende Hessens im Fachgebiet Gastgewerbe. Dabei ist Hannah Zindel inzwischen vierfache Mutter und wollte eigentlich Ärztin werden.

Grebendorf – Als Hannah Zindel 2008 in Eschwege ihre schriftlichen Abiturprüfungen schrieb, war die damals 18-jährige junge Frau hochschwanger und ziemlich frisch verheiratet.

Zwischen Abi-Klausuren und mündlichen Prüfungen bekam sie ihr erstes Kind und danach ihr Reifeprüfungszeugnis mit einem Schnitt von 1,6. Heute ist Hannah Zindel 31, Mutter von vier Kindern und 2020 beste Auszubildende ihres Fachs – Fachkraft im Gastgewerbe – in Hessen. Ihr Ausbildungsbetrieb ist das Schnellrestaurant McZ in Grebendorf, ihr Mann der Inhaber der Grillstation.

Beste Auszubildende in Hessen: Eigentlich wollte Hannah Zindel Ärztin werden

Ich wollte eigentlich immer Ärztin werden“, sagt Hannah Zindel. Aber mit ihrem Mann Johannes entschied sie sich nach der Schule erst mal für Familie. „Wir wollten uns erst mal auf die Familienplanungen konzentrieren“, erzählt sie. „Es war damals der einfacherere Weg und Medizin zu studieren erschien mir damals auch so groß und irgendwie fremd.“ 2009 werden ihre Zwillinge geboren, 2012 kommt das vierte Kind der Familie zur Welt. „Das hat mich dann erst mal ausgelastet.“

Weil auch Großeltern sich um die Kinder kümmern, arbeitet Hannah Zindel im Betrieb. „Aber schon seit ich 16 war, hab ich hier immer nebenbei gearbeitet“, sagt sie. Als die Zwillinge in den Kindergarten kamen, bewirbt sich die Einser-Abiturientin beim Finanzamt und beim Kreis um eine Ausbildung – beide Behörden lehnen sie ab. Deshalb steigt sie richtig in das Schnellrestaurant ein. Ihr Mann arbeitet ab Mittag, sie übernimmt dann abends, wer er zuhause ist und die Kinder hütet.

Hessens beste Auszubildende Hannah Zindel will jetzt selbst ausbilden

2016 bildet McZ erstmals eine Auszubildende zur Fachkraft im Gastgewerbe aus, die nach zwei Jahren aber den Betrieb wechselt, weil sie die dreijährige Ausbildung machen möchte. „Wir haben überlegt, wie das mit der Ausbildung in unserer Firma weitergehen kann“, sagt Hannah Zindel. Ein Mitarbeiter der insgesamt 30 Beschäftigten ist auch ausbildungsberechtigt.

„Als wir wieder eine Bewerberin hatten, schlug mein Mann vor, dass ich die Ausbildung auch mache.“ Das sei dem Paar sinnvoll erschienen, dass jemand aus der Geschäftsleitung ebenfalls ausbilden darf und diese Sparte damit dann auch für den Betrieb gesichert ist.

Als mehrfache Mutter absolviert Hannah Zindel ihre Lehrzeit in Teilzeit: Heißt, dass sie wie alle anderen Azubis einmal in der Woche in Eschwege die Berufsschule besucht, dafür aber statt vier nur zwei Tage praktisch arbeitet. Im kommenden Frühjahr wird sie ihre Ausbildungsberechtigung erwerben. Die Ausbildung sei ihr nicht wirklich schwergefallen. „Aber Dinge, die man einfach lernen muss, habe ich auch gelernt, wie zum Beispiel der unterschiedliche Fettgehalt von bestimmten Lebensmitteln in Prozent“, sagt sie. Von Vorteil sei für sie ihre Lebens- und inzwischen langjährige Berufserfahrung gewesen, aber auch, dass sie bereits ein Abitur hatte. Und, sie habe tolle Lehrer gehabt. „Die machen wirklich einen guten Job.“

Hannah Zindel will wissen, welche Inhalte in der Ausbildung vermittelt werden

Und was hat sie mitgenommen? „Ich habe viele neue Ideen und Impulse bekommen, auch für mein Privatleben, ich habe viel über Wein gelernt und wie man Tische schön eindeckt und für bestimmte Anlässe dekoriert.“ Letzteres sind zwar Fähigkeiten, die sie in einem Schnellrestaurant eher weniger braucht, aber dennoch hat sie Freude daran. Aber vor allem wollte sie als künftige Ausbilderin wissen, welche Inhalte in der Ausbildung vermittelt werden und welche Schwerpunkte gesetzt werden.

Hannah Zindel hat ihren Traumberuf Ärztin noch nicht aufgegeben

Und der Traum vom Arztberuf? „Nein, den habe ich noch nicht zu hundert Prozent aufgegeben. Aber ich denke immer seltener dran und werde ja auch nicht jünger“, lacht sie. Dann macht Hannah Zindel sich erst mal wieder auf den Weg nach Hause. Der Vormittag gehört ihr. Die Kinder sind in der Schule, sie hat Zeit für Haushalt, aber auch zum einfach zum „Ausruhen“. (Von Stefanie Salzmann)

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