Serie „Mit dem Jäger durchs Jahr“ - Teil 2

Im Mai gehen Waidmänner auf Jungwild-Suche

Beim Aufstellen der Flatterbänder auf dem Wiesengebiet rund um Braunrode: (von links) Rainer Stelzner, Vorsitzender des Jagdvereins Hubertus, und Jagdpächter Walter Oehl. Deutsch-Drahthaar-Hündin Lotta vom Hirschberg gibt ebenfalls Acht auf das Jungwild. Fotos: Spanel

Das Jagdjahr beginnt in Deutschland traditionell am 1. April und endet am 31. März. In den kommenden zwölf Monaten werden wir die Jäger im Kreis durch das Jahr begleiten und die vielfältigen Aufgaben für den Naturschutz vorstellen.

Beinahe jeden Abend ist Walter Oehl seit Ende April in seinem Jagdrevier bei Grebendorf unterwegs, um die Feldwege in dem großen Wiesengebiet rund um Braunrode am Meinhard abzufahren. Dabei geht es ihm als Jagdpächter keineswegs darum, nach den Rehböcken zu schauen, deren Jagdzeit am 1. Mai beginnt. Nein, er beobachtet die weiblichen Rehe, die Ricken, die jetzt ihre Kitze setzen.

Die Ricken sind jetzt, so kurz vor der Geburt, schwerfällig und behäbig geworden, sie bewegen sich nicht mehr gern. Deshalb ist es ziemlich sicher, dass dort, wo am Abend im letzten Dämmerlicht eine Ricke vorsichtig sichernd und immer wieder den Wind prüfend aus dem Wald in die frühlingsgrünen Wiesen austritt, auch ihre Kitze zur Welt kommen werden. 

Walter Oehl trägt diese Beobachtungen in die Revierkarte ein und fährt dann zu Johannes Strauß nach Grebendorf, der als Landwirt einen Teil dieser Wiesen bewirtschaftet. Mit ihm möchte er besprechen, wann die Wiesenmahd geplant ist. „Rehe und Mähwiesen, das ist eine jahrhundertealte Mesalliance“, sagt Rainer Stelzer, Vorsitzender des Jagdvereins Hubertus Eschwege.

„Die Ricken setzen ihre Kitze bevorzugt in bunt blühende Wiesen in Waldrandnähe. Sie verlassen sich darauf, dass die Kitze durch die zahlreichen Flecken auf dem Fell kaum entdeckt werden können, wenn sie sich ganz still verhalten. Gleichzeitig drücken sich die Kitze, wenn sich eine Gefahr nähert, ganz fest an den Boden, verschließen alle Körperöffnungen und atmen wenig, sodass sie kaum noch eine Witterung (Geruch) abgeben.“

Das alles funktioniert bei der Mähmaschine natürlich nicht. Hier wird der Schutzreflex der Kitze zur tödlichen Falle. „Um den Mähtod der Rehkitze zu verhindern, müssen Jäger und Landwirte daher eng zusammenarbeiten. Dies ist ein Gebot des Tierschutzes“, sagt Rainer Stelzner.

Arbeitet in Sachen Tierschutz eng mit den Jägern zusammen: Landwirt Johannes Strauß aus Grebendorf.

Wenn der Tag der Mahd gekommen ist, weiß Walter Oehl längst, wo in diesem Jahr die Setzplätze der Ricken sind. Am Abend zuvor werden Fähnchen mit Flatterbändern, raschelnde Tüten oder bunte Luftballons genau dort in den Wiesen platziert, wo sich die Ricken bevorzugt aufgehalten haben. Diese beunruhigt die Rehmütter und veranlasst sie, kurzfristig mit ihrem Nachwuchs in den Wald umzuziehen.

Auch das Absuchen der Wiesen mit einem besonders gehorsamen, gut ausgebildeten Jagdhund unmittelbar vor dem Mähen ist eine Möglichkeit. Anschließend tragen die Jäger die Kitze, die nie mit bloßen Händen berührt werden dürfen, aus der Wiese heraus und stecken sie für die Dauer der Mäharbeiten am Waldrand in einen luftigen Jutesack. Andernfalls würden Kitze sofort in die Wiese zurücklaufen und sich erneut verstecken. Wenn die Gefahr vorbei ist, werden die Kitze in den Gräsersaum am Waldrand gelegt, wo sie von ihrer Mutter abgeholt werden, sobald sich die Jäger entfernt haben.

Wenn Johannes Strauß mit seinem Traktor mit Mähwerk erscheint, sind die Jäger schon vor Ort. Der Landwirt beginnt grundsätzlich, die Wiesen von innen nach außen zu mähen, um älteren Kitzen die Gelegenheit zu geben, vor dem Mähwerk zu flüchten. Dabei fährt er so langsam wie möglich.

Abends wird Jagdpächter Walter Oehl wieder im Revier sein und die Ricken in den noch ungemähten Wiesen beobachten, Flatterbänder aufstellen und sich mit den Bauern verabreden. 

Den ersten Teil der Serie "Mit dem Jäger durchs Jahr" lesen sie hier. Darin wird beschrieben, welche Arbeiten im April anfallen. 

Von Dr. Jörg Brauneis

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