Anna Beckers Mann und Bruder kehrten jeweils an Weihnachten aus dem Krieg zurück

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Erinnerungen: Viele hat Anna Becker schriftlich festgehalten, wie hier in einem Büchlein aus dem Kriegsjahr 1944. Es ist nicht das einzige, das die 93-Jährige verfasst hat. Im Selbstverlag hat sie zwei sogar in gedruckter Form herausgebracht.

Hitzerode. Für die 93-jährige Anna Becker aus Hitzerode ist Weihnachten gleich in dreifacher Hinsicht die Zeit des Ankommens.

Nicht nur, dass die Adventszeit zu Ende geht und Menschen rund um den Globus die Geburt Jesu Christi und damit die Ankunft des Herrn feiern; Weihnachten markiert auch das Datum, an dem zuerst ihr späterer Mann Ernst und nach drei weiteren Jahren ihr Bruder Eduard aus dem Krieg zurückkehrten.

Bis zum Februar 1949 lebte Anna als Tochter des Schmiedemeisters und Landwirts Wilhelm Müller in Frankershausen. Das ist auch der Monat, in dem sie ihren Ernst heiratete, mit dem sie schon seit Langem mehr als nur befreundet war und während des Krieges in engem Briefkontakt stand. An den zweiten Weihnachtstag 1945 erinnert sich die rüstige alte Dame noch ganz genau: „Morgens pochte es plötzlich an der Tür. Es war Ernst.“ Zwei glückliche Menschen fielen sich in die Arme.

Der Bräutigam, der als Sanitäter in einem Lazarett diente, war aus französischer Kriegsgefangenschaft auf direktem Weg nach Hause gekommen. Die letzten mühsamen Meter bergauf durch den Wald legte er schweren Schrittes zurück. Der Krieg hatte den damals 26-Jährigen gezeichnet: „Ernst war schon sehr krank“.

Das Weihnachts-„Wunder“ sollte sich exakt drei Jahre später wiederholen. Auf dem Rückzug von Kreta war Annas einziger und zwei Jahre älterer Bruder Eduard auf dem Balkan in Gefangenschaft geraten. Von Jugoslawien aus sei er mit einem Viehwaggon in die Heimat zurückgekehrt, erinnert sich die Schwester und fügt leise hinzu: „Es war das schönste Weihnachten in meinem Leben.“

Der Bund fürs Leben, den Anna und Ernst ganz bewusst erst nach Eduards Heimkehr schlossen, sollte nur 16 Jahre halten. Am Reformationstag 1965 schloss der Ehemann für immer die Augen. Zwölf Jahre später wurde auch der geliebte Bruder vom Tod ereilt.

Anna Becker lebt heute mit der einzigen Tochter Waltraud und Schwiegersohn Heinz Blum in Hitzerode. Noch frisch im Gedächtnis ist der Witwe, wie sie Weihnachten als Kind verbracht hat. Heiligabend ging’s regelmäßig in die Kirche. Die flackernden Kerzen – „das war wie eine andere Welt“. Den Weihnachtsbaum besorgte der Vater. Er schlug ihn in einer eigenen Tannenschonung auf dem Meißner. Großartige Geschenke gab es damals nicht. Aber immer stellte das Mädchen einen Teller vor die Tür.

 „Wenn das Christkind es rechtzeitig schaffte“, war der pünktlich zur Bescherung gefüllt mit Plätzchen, Äpfeln und Nüssen. Mal war eine Mütze, mal ein wärmender Schal dabei, von Mutter oder Großmutter gestrickt aus der selbst gesponnenen Wolle, für die im Frühjahr die eigenen Schafe ihr Kleid hergegeben hatten.

Morgen verbringen die Hitzeröder den Heiligen Abend zu dritt, ehe es am zweiten Weihnachtsfeiertag etwas turbulenter wird. Dann erweitert sich der Familienkreis um zwei Enkelkinder und einen Urenkel. (zcc)

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