„Künstler bleiben auf der Strecke“

Interview: Initiative „Hängnichrum“ und die Kleinkunst in der Coronakrise

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Die letzte Veranstaltung der Initiative Hängnichrum im Februar: Im Saal der Kneipe Öx in Frankershausen waren Notenlos, bestehend aus Bastian Pusch (links) und Andreas Speckmann, zu Gast. 

Die Kulturinitiative Hängnichrum hat sich längst über Berkatals Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Ihre Veranstaltungen mit Kabarettisten, Comedians, Schauspielern und Musikern erfreuen sich in der Regel großer Beliebtheit.

Heute bekannte Größen wie Kurt Krömer, Johann König und Bülent Ceylan standen bereits auf der Bühne der Kneipe Öx in Frankershausen. Mit Knut Hildebrandt von der Initiative sprachen wir über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Arbeit des Vereins und den Kleinkunstbereich.

Die letzte Hängnichrum-Veranstaltung war im Februar. Wie sehr haben die Absagen wegen Corona geschmerzt?

Die Absage der Veranstaltung mit dem Kabarettisten Thomas Schreckenberger wurde bei uns im Verein sehr kontrovers diskutiert. Eigentlich hätte die Veranstaltung sogar noch stattfinden dürfen, bevor die entsprechende Verordnung der Landesregierung in Kraft getreten ist. Wir haben dennoch in der Gesamtabwägung gesagt, dass wir die Veranstaltung nicht verantwortungsvoll durchführen können – obwohl wir viele Reservierungen hatten. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf den Verein?

Unsere Veranstaltungen im März und April sind zwar ausgefallen, aber wir haben keine Verpflichtungen hinsichtlich der Honorare der Künstler. Dadurch, dass wir rein ehrenamtlich arbeiten und keine Festangestellten haben – also keine Personalkosten tragen müssen – geht es uns noch relativ gut.

Es stehen also keine Gagen mehr aus?

Wir haben im Vorfeld Gastspielverträge geschlossen. Wenn dann ein behördliches Verbot gegen einen Auftritt spricht, dann sehen diese Verträge den Fall der höheren Gewalt vor. Außerdem müssen wir keine eigene Immobilie erhalten, weil wir den Saal der Kneipe Öx nutzen dürfen. Wir haben in den vergangenen Jahren zwar viel in neue Technik investiert, haben aber auch so gut gewirtschaftet, dass wir jetzt nicht in Existenznöte kommen. Dabei hilft es uns auch, dass unsere Aktivitäten durch das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert werden. Ich habe aber auch Kontakt zu anderen Initiativen aus der Kunstszene, die wirklich vor Existenzproblemen stehen, weil sie Gebäude und Angestellte finanzieren müssen.

Erhoffen die sich denn mehr Unterstützung durch die Politik?

Ich glaube, da passiert vonseiten der Politik schon einiges. Ich sehe aber ein anderes Problem.

Welches?

Weil wir natürlich in engem Kontakt zu den Künstlern stehen, die schon bei uns in Frankershausen waren oder noch zu uns kommen wollen, bekomme ich deren Probleme wegen der Coronakrise mit. Sie fallen durch die Förderungen des Landes und des Bundes weitgehend durch, weil sie weder die institutionelle Unterstützung für Kultureinrichtungen, noch die für Kleinunternehmer beantragen können. Sie hatten bisher faktisch ein Auftrittsverbot und haben auch auf absehbare Zeit keine Auftrittsmöglichkeiten. Wegen höherer Gewalt gibt es für die entfallenden Gagen auch keine Entschädigung.

Das heißt, wegen der Corona-Krise könnten im Kulturbereich einige auf der Strecke bleiben?

Ja, insbesondere im Kleinkunstbereich, in dem wir uns bei Hängnichrum bewegen. Diese Künstler bekommen eher wenige Auftrittsanfragen vom Fernsehen – wir reden da eben nicht von Dieter Nuhr oder Sebastian Pufpaff. Bei denen fallen natürlich auch Veranstaltungen aus, aber die haben mit den Medien noch ein zweites Standbein. Das haben die Künstler, die wir häufig verpflichten, nicht. Die merken das nun extrem. Wir sind beispielsweise bemüht, die ausgefallenen Termine mit Arnim Töpel und Thomas Schreckenberger in die nächste Saison einzuplanen. Einfach auch als Perspektive für die Künstler.

Stichwort nächste Saison: Aktuell dürfen bis zu 100 Personen in Hessen bei entsprechenden Abstandsregelungen auf einer Veranstaltung sein.

Für uns in Frankershausen würde das bedeuten, dass wir 1,5 Meter Abstand zwischen jedem Besucher gewährleisten und fünf Quadratmeter öffentlich zugängliche Fläche pro Besucher bereithalten müssen.

Ist das praktikabel?

Bei uns lässt sich das aktuell im Saal der Kneipe Öx nicht umsetzen. Wir haben hochgerechnet, dass wir mit den Bestimmungen etwa 24 Personen im Saal hätten. Das ist in keiner Weise kostendeckend, was die Gagen betrifft. Außerdem können Sie sich vorstellen, was für eine Stimmung aufkommt, wenn Sie auf einem einzelnen Stuhl sitzen und in jede Richtung 1,5 Meter Abstand haben.

Das würde den Charakter ihrer Veranstaltungen in Frankershausen zerstören.

Genau. Das miteinander Lachen und die Veranstaltungsatmosphäre in diesem relativ kleinen Saal, in dem normal mindestens 100 Personen sind. Und das macht unsere Veranstaltungen eigentlich aus, dass man nah am Künstler dran ist, dass er mit dem Publikum interagiert. Davon lebt die Kleinkunst. Und das geht mit den aktuell nachvollziehbaren Beschränkungen nicht.

Eigentlich soll das Programm im Herbst weitergehen.

Schon bevor die letzten Veranstaltungen abgesagt wurden, haben wir Künstler gebucht. Offiziell losgehen soll es am 10. Oktober. Wir sind aber ehrlich gesagt noch ein wenig unentschlossen, wie es jetzt weitergehen soll. Wir hoffen, dass es bis dahin noch weitere Lockerungen der Verordnungen geben wird, damit wir unsere Veranstaltungen fortführen können.

Haben Sie denn Zweifel?

Eine Kleinkunstveranstaltung, wenn sie dicht an dicht sitzen, ist aktuell eben schwer vorstellbar. Natürlich gibt es alternative Formate wie Videostreaming oder Autokino-Veranstaltungen wie in Eschwege. Wir hoffen aber vielmehr, dass wir unsere Veranstaltungen baldmöglichst mit dem gewohnten Hängnichrum-Charme wieder umsetzen können.

Welchen Wunsch hätten Sie für die Zeit nach der Corona-Krise?

Ich wünsche mir, dass man mit den Personen, mit denen man vorher schon toll zusammengearbeitet hat, auch nach der Krise weiter genauso zusammenarbeiten kann. Dazu zählen natürlich die Künstler, aber auch die Veranstaltungsagenturen. Die hängen eben auch mit am Geschäft und leben davon, dass Verträge geschlossen und Künstler gebucht werden. Es ist wirklich wünschenswert, dass diese kulturelle Vielfalt, die es vor der Corona-Krise gab, auch noch in der Zeit danach weiter Bestand hat.

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