Was Juden und Christen eint

Ein Besuch im Lern- und Gedenkort für jüdisches Leben in Abterode

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Jugendliche aus dem Küsterdienstteam und Mitglieder der Gottesdienstgruppen haben den Lern- und Gedenkort „jüdisches Leben“ in Abterode besucht. Stehend, rechts: Dr. Martin Arnold.

Den Lern- und Gedenkort für jüdisches Leben im Werra-Meißner-Kreis in der ehemaligen Synagoge in Abterode besucht haben jüngst Jugendliche aus dem Küsterdienstteam und Mitglieder der Gottesdienstgruppe der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Eschwege mit Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost.

Till Schaub, Konfirmand und der Jüngste in der Runde, ist der Erste, der sich die 3D-Brille aufsetzt. „So sah es also im Innenraum der Synagoge aus, bevor sie am 8. November 1938 von den Nazis zerstört wurde. Kann ich den Toraschrank öffnen?“

„Nein, das geht noch nicht“, erklärt Dr. Martin Arnold, Vorsitzender des Vereins der Freundinnen und Freunde für jüdisches Leben in der Region Werra-Meißner. Aber es sei geplant, die 3D-Grafik noch weiter zu verfeinern.

Mit der Diskriminierung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Mitbürger durch die Nazis ging auch die Vernichtung des kulturellen und religiösen Lebens einher. Nur besonderen Umständen ist es zu verdanken, dass das imposante Gebäude der ehemaligen Synagoge in Abterode nicht zerstört und einige Kultgegenstände wiederentdeckt wurden.

Lern- und Gedenkort eingerichtet

Im vergangenen Jahr wurde im Obergeschoss, dort, wo sich einst die Frauenempore befand, ein Lern- und Gedenkort eingerichtet. Einige besondere Gegenstände, wie zum Beispiel eine Schriftrolle mit der Ester-Geschichte, ein Lesefinger und ein Tora-Wimpel, sind im Original zu sehen. Andere Gegenstände, Fotos und Kartenmaterial sind auf dem digitalen und interaktiven Bildschirm abrufbar. Ein Höhepunkt ist der digitale Rundgang mittels 3D-Brille durch den Innenraum der ehemaligen Synagoge in Eschwege. Ein 3D-Künstler hat ihn anhand der vorhandenen Fotos nachgebaut. 

Leidenschaft für alte Sprachen 

 „Wirklich toll“, findet Astrid Fey, Kirchenvorsteherin in der Stadtkirchengemeinde. Pauline Haase ist von der Ester-Rolle beeindruckt. Sie hat viele Jahre im Küsterteam mitgewirkt, jetzt studiert sie Theologie. Alte Sprachen sind ihre Leidenschaft. Doch auch für sie ist es nicht so leicht, den hebräischen Text zu lesen. Er hat keine Punktierung, damit fehlen die Vokale. „In der Ester-Rolle geht es um eine junge jüdische Frau namens Ester, die ihr Volk in Persien vor einem Pogrom rettet“, erklärt Martin Arnold. Heike Kuder, die sich in der Kirchengemeinde und im Bündnis Bunt statt Braun engagiert, beschäftigt eine andere Sache: „Wieso gab es auf dem Land eigentlich so viele jüdische Gemeinden?“, fragt sie. 75 Jahre nach dem Holocaust wird jüdisches Leben in der Region wieder „greifbar“, christliche Gemeinden wollen mehr erfahren über Geschichte, Kultur und das, was Kirche und Synagoge verbindet.

Israelsonntag in der Marktkirche 

Zum Schluss des 60-minütigen Rundgangs lädt Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost ein zum Gottesdienst am Sonntag, 16. August, ab 10 Uhr in der Marktkirche. „Der Sonntag trägt den Namen Israelsonntag. Thema wird sein: „Was Christen und Juden im Gottesdienst verbindet“. 

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