Gedenken zum 75. Jahrestag der Befreiung: Auschwitz ist immer noch ganz nah

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Zum Gedenken an die Holocaust-Opfer hat der Verein „Freunde und Freundinnen des jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ mit dem Vorsitzenden Dr. Martin Arnold (rechts) in die ehemalige Synagoge nach Abterode eingeladen – Hunderte kamen.

Zum Gedenken an die Opfer des Holocaust und die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kamen am Montagabend Hunderte Menschen in die Synagoge Abterode.

Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in Polen. Doch dieses war kurz zuvor geräumt worden, nur 7500 deportierte Lagerinsassen konnten befreit werden. Zum Gedenken an die Opfer lud der Verein „Freunde und Freundinnen des jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ in die ehemalige Synagoge in Abterode ein.

Und wieder einmal war der Gedenkraum zu klein für das große Interesse. Zwar scheint Auschwitz weit weg zu sein, mit ihren Vorträgen holten Dr. Martin Arnold und seine Mitstreiter die Schrecken von damals jedoch ganz nah heran – als Mahnung. „Auschwitz ist das Symbol für den schauerlichsten Abgrund der Menschheit“, sagte Arnold. „Dort wurden neben Juden auch die polnische Intelligenz, die Homosexuellen und die Zeugen Jehovas ermordet. Heute wollen wir an die Opfer aus dem Werra-Meißner-Kreis erinnern.“ Denn weit über 500 Menschen aus dem Kreis wurden in Auschwitz umgebracht.

Ein Koffer am Bahnhof Eschwege

Wie erschütternd die Fakten sind, zeigte Anna Maria Zimmer eindrücklich in ihrem Vortrag. Auschwitz begann buchstäblich vor der Haustür. Dr. Walter Schulz, NSDAP-Mitglied und Gauleiter, war Landrat von Eschwege von 1937 bis 1945. Er setzte 1941 ein Schreiben mit Bestimmungen auf, wie mit den Juden, die „umgesiedelt“ werden sollten, zu verfahren sei und verteilte es an die Bürgermeister. „Man kann also nicht sagen, dass niemand davon gewusst habe“, hielt Anna Maria Zimmer fest. Darin stand, wie die Juden ihren Hausrat zurücklassen sollten (die Möbel ordentlich zusammengestellt) von wo aus die Züge abfahren (Eschwege), und was jeder mitnehmen darf (einen Koffer), was darin enthalten sein darf (Löffel, Becher, warme Kleidung, Schuhe und Essen für drei Tage). Einer Liste entsprechend wurden 100 Menschen jüdischen Glaubens aus Eschwege, Reichensachsen und den umliegenden Dörfern zum Eschweger Bahnhof getrieben und dort in Viehwagons verfrachtet. Das Denkmal des Koffers erinnert heute an sie.

Zeitzeugenberichte aus der Region

Schließlich las Anna Maria Zimmer die Erinnerungen von Sonia Habler, geboren in Eschwege, und Kurt Mayer, geboren in Herleshausen, vor. Beide hatten die Konzentrationslager überlebt und berichteten, wie sie entmenschlicht wurden und in Baracken gepfercht, wo ihnen jeden Tag der Tod in Form von Kälte, Hunger, Krankheiten oder dem Erschießungskommando drohte. Anna Maria Zimmer präsentierte die Fakten ohne emotionale Hinzufügungen, die Texte allein zeigen das Grauen so schonungslos, dass im Publikum immer wieder entsetztes Aufstöhnen erklang.

Pfarrer singt und spricht jüdische Gebete 

Ergreifend: Pfarrer Martin Vogel von Frommershausen sang ein jüdisches Gebet für die Opfer.

Pfarrer Martin von Frommershausen sang anschließend ein jüdisches Gebet für die Opfer. York Egbert König stellte vor, wie er im Stadtarchiv Eschwege über 500 Kennkarten von Juden aus dem Werra-Meißner-Kreis digitalisiert und archiviert hat. Über Hundert Namen der Opfer aus dem Kreis, die in Auschwitz ermordet wurden, lasen Paula Polowczyk, Simon Exner, Nelly Metzger und Daniel Codorie vor, Schüler der Anne-Frank-Schule.

Zahlen des Schreckens

Mahnung: zeitgenössische Dokumente.

7500 befreite Gefangene, die das Glück hatten, die Hölle von Auschwitz zu überleben, das hört sich nach viel an, aber nur so lange, bis man die Zahl in Relation stellt. Die Zahlen des wahren Schreckens haben ganz andere Dimensionen: Als die rote Armee im Januar 1945 kurz vor Auschwitz stand, evakuierte die SS in wenigen Tagen das Lager und transportierte rund 56 000 Lagerinsassen in Frachtwaggons nach Westen in andere Einrichtungen. Insgesamt hatten die Nazis 1,3 Millionen Menschen nach Auschwitz deportiert, von denen die unbeschreibliche Zahl von 1,1 Millionen Menschen in den Gaskammern ermordet wurde. Die Opfer waren zum größten Teil Juden und stammten aus 20 Nationen. Aber auch Polen, Roma und sowjetische Kriegsgefangene wurden umgebracht.

Polizeischutz

Während der Gedenkveranstaltung stand vor der Tür ein Polizeiwagen als Schutz und zeigte deutlich: Solange die Polizei solche Veranstaltungen schützen muss, ist Auschwitz nicht weit weg, sondern immer noch ganz nah.

Weitere Fotos zu diesem Thema gibt es hier:

Freunde und Freundinnen des jüdischen Lebens Werra-Meißner

Der Verein der „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner“ wurde 2019 unter dem Vorsitz von Dr. Martin Arnold gegründet. Die Mitglieder möchten die Erinnerung an jüdisches Leben in der Region wachhalten, der jüngeren Generation vermitteln und gegen Antisemitismus eintreten. Informiert wird über jüdische Geschichte, Kultur und Religion. Mitglieder sind Institutionen wie der Werra-Meißner-Kreis, der Evangelische Kirchenkreis Werra-Meißner, Kommunen und Kirchengemeinden sowie zahlreiche Privatpersonen. Auf der Homepage synagoge-abterode.de kann man sich über die Aktivitäten informieren und Mitglied werden. Am Samstag, 1. Februar, findet in Sontra im Blickpunkt Bürgerhilfe die Abschlussveranstaltung der Reihe „Spuren jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner entdecken“ statt. Wieder gibt es einen Dreiklang aus Musik, Kulinarischem und Historischem.

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