Interview mit Meditationspfarrerin

„Durch das Glockenläuten können wir uns mit allen verbunden fühlen“

kirche in heyerode serie über kirchen im werra-meißner-kreis glocken altar tisch kanzel turm mit pfarrerin taufstein taufschale FOTO: Tobias Müller
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Die Glocken von Sontra-Heyerode.

Susanne Böhringer, Pfarrerin für Meditation und geistliches Leben am Kloster Germerode, spricht im Interview über das Glockenläuten in Zeiten des Coronavirus.

In der Zeit der Coronakrise fühlen sich viele Menschen verunsichert und einsam. Frau Böhringer, wann läuten die Kirchenglocken, wenn sie nicht gerade zum Gottesdienst rufen?

Die Glocken läuten um 12 Uhr mittags. Sie laden ein, innezuhalten, zu beten, zu denken.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindertage? „Wenn die Glocken läuten (18 Uhr), dann kommt ihr heim.“ Und am Sonnabend horchte man ganz bewusst auf das abendliche Geläut: Nun wurde es Sonntag.

An mancher Stelle hörte man auch – manchmal mitten am Tage – eine einzelne, die tiefe Glocke. Jede und jeder im Dorf wusste: Jemand ist gestorben. In meiner letzten Gemeinde, Brockhagen in Westfalen, hat der Pfarrer die alte Tradition aufleben lassen, auch eine helle Glocke zu läuten, wenn die Geburt eines Kindes zu vermelden ist. Da wissen nun alle, „was die Glocke schlägt“.

Das Glockengeläut ist nicht nur eine Informationsquelle und nützlicher Zeitgeber. Welche spirituelle Dimension hat es?

Das Glockengeläut hat eine lange Tradition – aus den Klöstern hört man die Einladung zum Stundengebet. Immer luden und laden die Glocken dazu ein. Und auch vor Gottesdiensten rufen die Glocken, laden ein zu beten, den Alltag zu unterbrechen. Das ist etwas, was trägt.

Es gibt Betglocken. Sie läuten, sie werden angeschlagen, um zum Gebet zu rufen. Auch Kranke im Dorf wissen, wenn sie die Vaterunser-Glocke während eines Gottesdienstes hören: Nun kann ich in Gemeinschaft mit anderen das Gebet des Herrn beten, auch wenn ich selbst nicht in die Kirche gehen kann.

Warum erinnert die evangelische Kirche gerade jetzt an das Gebet zum 12-Uhr-Läuten?

In diesen Tagen überlegen wir verstärkt, was uns in Zeiten von Unsicherheit Grund unter den Füßen geben kann. Regelmäßig, um 12 Uhr auf die Glocken zu hören, kann Sicherheit geben – und etwas sein, was wir tun können, auch wenn wir nicht zu den Betroffenen von Krankheit und Sterben hingehen können. Ja, wir können beten – egal, wo wir sind. Und wir können uns mit allen, die beten, verbunden fühlen.

Wie kann das ganz praktisch aussehen?

Uns am Computer nach hinten lehnen, bei der Mittagsessenzubereitung innehalten. Beten: für die, die Angst haben und sich sorgen, für die, die in Quarantäne leben müssen, für die, die in Krankenhäusern, im Rettungswagen, in Apotheken Dienst tun, damit anderen geholfen werden kann – in dem Wissen, dass sie sich selbst in Gefahr bringen, angesteckt zu werden. Für die, die krank geworden sind, für die, die nicht mehr gesund werden, sondern sterben werden.

Wir können respektieren, dass wir nicht zu den Menschen hingehen können. Es gibt in diesen Tagen viele Ideen, wie wir trotzdem an sie denken können. Eine Möglichkeit ist, die Hände zu falten, für sie und für uns zu beten. 

Zur Person

Susanne Böhringer (57) aus Bochum ist seit dem 1. März Pfarrerin für Meditation und geistliches Leben im Kloster Germerode. Sie interessiert sich sehr für die altorientalische, orthodoxe und armenische Kirche und war lange Bundesvorsitzende der deutsch-armenischen Gesellschaft. kw

VON EDITH HETTWER

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