Neubau mit alten Spuren: Das Gotteshaus in Abterode

+
Prägt das Dorfbild: Auf einer Hügelkante thronend präsentiert sich die evangelische Kirche in Abterode heute wie zu ihrer Erbauungszeit als eine Landmarke und ist durch ihren 240 Meter hohen Kirchturm schon von Weitem deutlich zu sehen.

Abterode – In einem Jahr wird sich die Einweihung der evangelischen Kirche Abterodes zum 150. Mal jähren. Natürlich gab es in dem Meißner Ortsteil zuvor auch eine Kirche.

1867 wurde sie dem Erdboden gleichgemacht; an ihrer Stelle wurde ein Neubau errichtet. In dem es einige Spuren des Vorgängers zu entdecken gibt.

Eine Kirche in der Kirche: Pfarrer Andreas Heimann (links) und Walter Junghans, langjähriges Mitglied im Kirchenvorstand, mit dem Modell des Vorgängerbaus.

1077 gründete Abt Ruthard von Fulda in Abterode die Benediktiner-Propstei St. Vinzenz und St. Bonifatius. Dazu gehörte eine dreischiffige Basilika. „Das Gotteshaus war die älteste romanische Kirche im Meißnervorland“, berichtet Andreas Heimann, der seit 2017 Pfarrer in Abterode ist. Doch weil sie irreparable Schäden aufwies, verfügte das Kasseler Konsistorium einen Neubau, der im Wesentlichen auf Plänen des Eschweger Landbaumeisters Carl basierte.

Besucher können die alte Kirche dennoch bewundern: Bis heute befindet sich ein Modell von ihr im Seitenschiff des Neubaus. Dieser ist ein historistischer Bau mit romanisierenden, aber auch gotisierenden Formen.

Überbleibsel der alten Kirche sind erhalten

Durch Purismus besticht die Abteröder Kirche im Inneren. Einst zierten historische Ausmalungen die Decke, die 1959 dem Zeitgeist huldigend beseitigt wurden.

Aber auch einige Details aus der alten Kirche haben es in die neue geschafft: zum einen drei Glocken, die älteste davon wurde um 1400 gegossen. Zudem befindet sich im Vorraum der Kirche eine alte Säulenbasis des Vorgängerbaus. Ein weiteres Überbleibsel wurde in den 1950er-Jahren auf einem Hof im Dorf entdeckt: Der ursprüngliche Taufstein, der nach seiner Aufarbeitung wieder im Chor der Kirche aufgestellt wurde.

Gruft eines Abteröder Amtsmannes

Nicht beseitigt, sondern übermauert wurde bei den Abrissarbeiten eine Gruft. Noch heute befindet sie sich unter dem Chor der Kirche „Die Gebeine sind aber nicht die eines adligen Patronatsherren“, sagt Kirchengemeindemitglied Otto Steinmetz. Stattdessen liegt dort ein Abteröder Amtmann, dessen Tod für das Jahr 1716 im Sterberegister der Kirche verzeichnet ist.

Kruzifix wurde 1916 gestiftet

Ungewöhnlich für eine evangelische Kirche: das Kruzifix im Seitenschiff.

Sofort ins Auge sticht dem Betrachter das Kruzifix im Seitenschiff der Kirche. „Das ist ungewöhnlich für eine evangelische Kirche“, sagt Pfarrer Heimann. Denn Darstellungen des ans Kreuz genagelten Jesu sind sonst eher in katholischen Gotteshäusern zu finden. 

Dass eines in Abterode hängt, liegt daran, dass die Tochter eines bedeutenden Dorfarztes der Kirche das Kreuz 1916 gestiftet hat.

Schon der Vorgängerbau der Abteröder Kirche hat spätestens seit der Reformation als evangelische Gemeindekirche gedient. 1541 hat sich der in Abterode eingesetzt Probst Rudolf Schenk zu Schweinsberg der Reformation angeschlossen.

Gottesdienste finden noch jeden Sonntag statt

Heute bildet Abterode ein eigenes Kirchspiel, zu dem außerdem die Kirchengemeinden Wellingerode und Vockerode gehören. Anders als in anderen Kirchengemeinden wird in Abterode noch jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert. Allerdings nicht immer in der Kirche, denn das riesige Gebäude kühlt während der Wintermonate zu stark aus. Deshalb zieht die Gemeinde von Silvester bis kurz vor Ostern ins Gemeindehaus um.

Wilhelmsorgel ist die größte Orgel einer Dorfkirche im Kirchenkreis

Aus 23 Registern und 1300 Pfeifen besteht die Orgel der Abteröder Kirche. Sie wurde 1869 von Gustav Wilhelm erbaut.

Besonders Stolz ist die Kirchengemeinde auf ihre Orgel, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird. Denn mit der Wilhelmsorgel aus dem Jahr 1869 verfügt das Gotteshaus in Abterode über ein besonders bedeutendes Denkmalinstrument. Mit 23 Registern und etwa 1300 Pfeifen ist sie die größte Orgel in einer Dorfkirche im gesamten Kirchenkreis – so ist es zumindest einem Eintrag in dem Sammelband „Kunstdenkmäler in Hessen“ von Peer Zietz zu entnehmen. 

Hervor sticht das Instrument auf der Westempore neben seiner Größe auch wegen des großen Teils an Originalsubstanz: Gustav Wilhelm, der letzte Kasseler Hoforgelbaumeister, verwendete für das Instrument über 90 Prozent der Pfeifen von dem barocken Vorgängerinstrument aus der abgebrochenen Kirche. „Der Orgelbauer hat es meisterlich verstanden, alte und neue Registerteile aufeinander abzustimmen“, sagt Otto Steinmetz, engagiertes Mitglied der Kirchengemeinde. 

Das Ornament an der Orgel sei zwar dem Zeitgeist von 1870 geschuldet, doch habe Wilhelm ein Prospekt in barocker Tradition entworfen: gegliedert in drei Türme mit zwei Feldern. Während die meisten historischen Orgeln stetig dem Zeitgeschmack entsprechend verändert wurden, geschah dies bei dem Instrument in Abterode nur in geringem Umfang. Fehlende Pfeifen konnten durch originale Wilhelmspfeifen aus einer anderen Orgel ersetzt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare