Ein magisches Jahr

Matriarchatsforscherin  spricht über die mythologische Gestalt der Frau Holle

Frau Holle aus einem anderen Blickwinkel: Matriarchatsforscherin Dr. Heide Göttner-Abendroth spricht auf Einladung des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land und des Arbeitskreis zur Mythologie der Göttin Holle über die Mythische Gestalt der Frau Holle.. Foto:  privat

Hoher Meißner. Mehr als 100 Besucher waren neugierig auf eine Frau Holle, wie sie sie noch nicht kannten: als eine mythologische Gestalt, deren Ursprünge in der Verehrung einer universellen Schöpfer-Göttin in der jüngeren Altsteinzeit (etwa 50 000 vor Christus) und in der Jungsteinzeit (etwa 10 000 vor Christus) liegen.

Die Matriarchatsforscherin, Kulturhistorikerin und Philosophin Dr. Heide Göttner-Abendroth sprach im Jugenddorf auf dem Meißner über die große Göttin der jungsteinzeitlichen matriarchalen Gesellschaften, die heute unter dem Namen Frau Holle eng mit dem Meißner verbunden ist. Gemeinsam hatten der Geo-Naturpark Frau-Holle-Land und der Arbeitskreis zur Mythologie der Göttin Holle zu dem Vortrag eingeladen. Darin stellte die Forscherin die matriachale Sicht auf Frau Holle vor. Demnach erscheint Frau Holle im Verlauf ihres magischen Jahres in unterschiedlicher Gestalt: Sie wandelt sich von der jungen, wilden, „weißen“ Göttin des Frühjahrs zur reifen, lustbetonten, kreativen „roten“ Göttin des Sommers, um im Herbst das Jahr als „schwarze“ Göttin, die Weisheit und Macht verkörpert, zu beenden. Stets ist sie mit allen Teilen ihrer Schöpfung verbunden.

Frau Holle zeigt sich über das Jahr jedoch nicht nur in der Vegetation, sondern auch als Kulturbringende, nämlich als Spinnerin und Weberin des Flachses, der Wolle und des Schicksals, als schenkende Frau zur Weihnachtszeit und in den Raunächten bis zum Holle-Tag am 6. Januar. Sie ist Herrin über Leben und Tod, die als Mutter der Seelen alle Verstorbenen des vergangenen Jahres in einem wilden Zug in ihren Berg führt. Als „Heimchen-Königin“ hütet sie die Seelen der gestorbenen Kinder und bereitet sie zusammen mit den Seelen der Ahnen auf ihre Wiedergeburt vor. Als „Muhme Mählen“ dreht sie das Rad der Zeit und macht Junges alt beziehungsweise Altes jung.

In der anschließenden Fragestunde zeigten die Zuhörer viel Interesse, auch fragten sie nach der Rolle des Mannes in einem matriarchalen Kosmos. Heide Göttner-Abendroth wies darauf hin, dass matriarchal lebenden Völkern der Dualismus unserer modernen Welt völlig fremd war und ist. Das Leben komme aus der Frau, und hierin ist sie ein Abbild der Schöpfer-Göttin, die ihre Söhne und Töchter gleichermaßen liebt und ehrt.

Das Matriarchat sei keine Frauenherrschaft, sondern enthalte ein egalitäres Gesellschaftsmodell, das in alle Bereiche des Lebens hineinwirke. Es habe den Anspruch, dass Frauen, Männer und Kinder ein gutes Leben führen könnten – in Einklang mit sich selbst, mit den anderen Teilen der Schöpfung und der Natur sowie mit der großen Göttin.

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