„Ich bin hier noch nicht fertig“

Die weite Welt und wir: Melina Hildebrandt aus Wolfterode verlängert ihre Arbeit in Waisenhaus in Benin

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Möchte weiter in Benin bleiben: Melina Hildebrandt hat ihre Freiwilligeninitiative in einem Waisenhaus um ein weiteres Jahr verlängert. 

Ein Jahr ist vergangen, seitdem Melina Hildebrandt Wolfterode verlassen hat, um im französischsprachigen Benin ein Waisenhaus  zu unterstützen. Nun verlängert sie ihren Aufenthalt. 

Während manch einer an ihrer Stelle sehnsüchtig das Gepäck für die Heimreise packt, denkt sie noch nicht an die Heimkehr und hat entschieden: „Ich bin hier einfach noch nicht fertig“.

Die Beweggründe

Bereits seit Ende des vergangenen Jahres wurden sie und ihre Mitfreiwilligen den Gedanken nicht mehr los, weitere zwölf Monate in Pobè, der Hauptstadt der Region Plateau, welche im Südwesten Benins an der nigerianischen Grenze liegt, zu bleiben: „Es war letztlich eine gemeinsame Entscheidung mit verschiedenen Gründen“, erzählt die Wolfteröderin. Ausschlaggebend waren langfristige Projekte, deren Ende in so kurzer Zeit kaum abzusehen war. Es brauchte beispielsweise Monate, um ein System zu etablieren, welches jedes Waisenkind bei der schulischen Betreuung am besten erreicht. Neue Freiwillige müssten die Kinder und ihr Niveau erst kennenlernen und sich einleben, wohingegen Hildebrandt direkt ins zweite Jahr starten könne – sowohl mit bereits begonnenen Projekten als auch mit vielen Ideen, die in der Vergangenheit keinen Platz gefunden haben: Deutschunterricht zum Beispiel, Alphabetisierungskurse für Erwachsene und Sanierungen am Waisenhaus sind nur ein Teil davon.

Die Reaktionen

„Die Kinder freuen sich und ich kann weitere zwölf Monate mit meiner lieb gewordenen ‚Zweitfamilie’ verbringen. Ein maximaler Profit für alle“, lautet ihr Fazit, das anfangs jedoch ein Element der Gleichung ausließ: „Die erste Reaktion meiner Eltern fiel nicht sehr positiv aus“. In Wolfterode überwog der Schock, doch Hildebrandt habe sich mit jedem Tag sicherer in ihrer Entscheidung gefühlt: „Hör auf das, was dir dein Herz sagt“, lautete der Rat ihrer Mutter Beate Hildebrandt, den sie befolgt hat und nun ein weiteres Jahr für die Kinderhilfe Westafrika unter Förderung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung arbeitet.

Die Arbeit

Alltäglich unterstützt Hildebrandt die Gouvernante des Waisenhauses beim Waschen, Kochen und Einkaufen, wobei auch die freie Zeit für kulturelle Entdeckungen mit dem eigenen Moped nicht zu kurz kommt. Nach der Schule und an den Wochenenden stehen die Kinder komplett im Zentrum ihrer Arbeit: Spiele, Gottesdienste, gemeinsames Kochen und Bastelaktionen zur Verschönerung des Waisenhauses unterhalten die Kinder – und natürlich ihre Betreuer.

Die Kinder

Sie kommen auf verschiedenen Wegen in das Waisenhaus. „Ein Großteil kommt nach dem Verlust des Vaters zu uns, wenn die Mutter sich nicht mehr um alle Kinder kümmern kann“, berichtet Melina über teils emotionale Schicksale. Ebenfalls nicht selten nehme der neue Ehemann nach einer erneuten Heirat die Kinder nicht an oder Familien könnten ihre Kinder nicht ernähren. „Wir haben einige, die von Verwandten verkauft werden sollten oder zu Kinderarbeit gezwungen wurden und geflohen sind“, fährt Melina Hildebrandt fort. Zwangsheiraten, Misshandlungen oder Verurteilungen vom Kinderrichter sind weitere Gründe.

Die Gesundheit

Ganzjährig herrscht in Benin ein hohes Malariarisiko (siehe Infokasten). „Wenn jemand in Europa von Malaria hört, bricht direkt Panik aus, aber ich kann Entwarnung geben: Hier gehört das zum Alltag“, erklärt Melina Hildebrandt und weist darauf hin, dass Malaria nicht gleich Malaria sei. Die medizinische Versorgung in Benin sei sehr gut. Auch wenn die Hygienezustände in einigen Krankenhäusern mangelhaft seien, sind sie gut ausgestattet und wissen Malaria mit Tabletten und Injektionen zu behandeln – teilweise sogar besser als in Europa. Erst vor wenigen Wochen hatte das Waisenhaus mit Malariafällen zu kämpfen. „Die Kinder werden bei ersten Symptomen mit einem Tablettenvorrat des Waisenhauses behandelt; bei einer Verschlimmerung übernimmt unser Gründer jegliche Krankenhauskosten“, berichtet Hildebrandt, da Krankenversicherungen fast durchgängig fehlten. Mit den wichtigsten Impfungen sind alle Kinder versorgt.

Die Projekte

In den vergangenen Monaten lag der Fokus der Freiwilligen auf der schulischen Unterstützung der Waisen, da einige kaum Lesen und Schreiben konnten oder nur Lokalsprachen und nicht die Schul- und Amtssprache Französisch beherrschten. „In unserem neuen System teilen wir die zwölf bedürftigen Kinder in zwei Lerngruppen ein, die wir abwechselnd fördern. Das hat sich bewährt!“, freut sich Melina Hildebrandt. Stolz blickt sie auf ein gelungenes Zahnputzprojekt und die Finanzierung einer Stromversorgung zurück: Dank Erklärungen und Putzkontrollen samt Belohnungssystem „haben alle Kinder inzwischen gesunde Zähne“. Mit Fördergeldern aus Deutschland konnte ein Solarkit installiert werden, um Lampen und Telefone mit Strom zu versorgen.

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