Freiwilliges soziales Jahr in Südamerika

Weidenhäuser Finn Seifert arbeitet seit einem Jahr an einem Krankenhaus in Bolivien

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Treffpunkt. Die hohen Temperaturen lassen die Bolivianer oft im Freien verbringen – auch mal im Parapetí, dem lokalen Fluss. Finn Ferdinand Seifert (Zweiter von rechts) genießt seine Zeit dort und sieht sich trotz seiner Arbeit als größter Profiteur seines Freiwilligendienstes, weil sein Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn enorm sind. „Ich kann es jedoch trotzdem kaum erwarten, im August nach Hause zu kommen.“

Weidenhausen/Bolivien. Der Weidenhäuser Finn Ferdinand Seifert arbeitet seit knapp einem Jahr beim Freiwilligendienst  in einem Krankenhaus in Bolivien mit.

Gut 30.000 Einwohner leben in Camiri im subtropisch-heißen Südosten Boliviens – für die nur ein einziges öffentliches Krankenhaus zur Verfügung steht. In dem arbeitet seit dem vergangenen August der 19-jährige Finn Ferdinand Seifert aus Weidenhausen, er leistet dort seinen Freiwilligendienst. „Meine Hauptarbeit besteht in der Unterstützung des Personals des einzigen öffentlichen Krankenhauses der Region“, erzählt er, „ich helfe den Ärzten und Krankenschwestern bei ihrer täglichen Arbeit und lerne den Krankenhausalltag kennen.“

Zimperlichkeit ist fehl am Platz

Zimperlichkeiten sind dabei fehl am Platz: Der junge Mann arbeitet unter anderem mit Tuberkulose- und Denguefieber-Patienten, ist dabei, wenn in der Notaufnahme offene Wunden mit Honig desinfiziert werden, hilft, Männern Fliegenlarven aus dem Rachen zu entfernen oder bestimmt Blutgruppen im Labor.

Viele bewegende Fälle im Krankenhaus

Bei der Arbeit. Finn Ferdinand Seifert leistet in Bolivien seinen Freiwilligendienst und arbeitet dort in einem Kranenhaus.

Das ganze Jahr über gebe es zudem immer wieder sehr bewegende Fälle im Krankenhaus, erzählt Finn Seifert: „Das enge Nebeneinander von Leben und Tod kann einen sehr zum Nachdenken anregen.“ Gut erinnern kann er sich zum Beispiel an einen 35-jährigen Patienten, der für die Dialyse-Kosten nicht mehr aufkommen konnte (nur ein Teil der Bevölkerung ist krankenversichert), sodass die Behandlung eingestellt wurde und er kurz darauf starb. „Wenn man dann den Schmerz der Angehörigen hautnah miterlebt, sind das sehr emotionale Momente.“

Für den Weidenhäuser sei es dennoch ein großes Glück, als Freiwilliger des Deutschen Roten Kreuzes all diese Erfahrungen machen zu dürfen. Sein Engagement werde außerdem vom Bundesministerium für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert, da sein Projekt Teil des Programmes „weltwärts“ ist (siehe Hintergrund).

Boliviens politische Situation ist anders als die deustche

Die ärztliche Versorgung ist nicht der einzige Unterschied zwischen Deutschland und Bolivien. So sei zum Beispiel auch die politische Situation eine andere: In der jüngsten Vergangenheit gab es einen Disput zwischen dem Bürgermeister der Stadt und der Bevölkerung Camiris. „Im Laufe dieses Konflikts kam es zu Straßenblockaden und Streiks, bis die Situation eskalierte und schwere Straßenkämpfe zwischen der Blockierern und der Polizei folgten“, schildert Seifert.

Das öffentliche Leben Camiris sei dadurch nahezu komplett stillgelegt worden, „in meinem Krankenhaus wurde jedoch weitergearbeitet, wo auch die vielen Schwerverletzten der Straßenkämpfe versorgt wurden“. Tagelang sei Camiri ein großes Thema in den nationalen Nachrichten gewesen. Was den jungen Mann erstaunt hat: Dass zum Beispiel Straßenblockaden in Bolivien gar nicht so ungewöhnlich sind, sondern vielmehr ein legitimes und häufig gebrauchtes Mittel darstellen, um politische Forderungen durchzusetzen. Und auch die Lebenseinstellung vieler Bolivianer sei viel entspannter als die der Deutschen: „Ich habe mir vorgenommen, einen Teil dieser Mentalität auch in Deutschland fortleben zu wollen.“

Duschen stehen in Bolivien oft unter Strom

Darüber hinaus unterscheiden sich die Lebensumstände der Bevölkerungen oftmals grundlegend: In Camiri seien Strom- und Wasserausfälle ziemlich häufig, selten gebe es eine Spül- oder Waschmaschine. „Ein weit verbreitetes Phänomen ist auch, dass Teile der Duschen unter Strom stehen, sodass man stets aufpassen muss, keine Stromschläge zu erhalten“, berichtet der FSJler. Die nächste größere Stadt sei mit dem Bus etwa fünf Stunden entfernt, „was für lokale Verhältnisse recht nah ist“ – und fast das gesamte Jahr über herrschen in Camiri Temperaturen über 30 Grad Celcius.

Diese Umstände wirken sich auch auf die Lebensart aus. „Durch die angenehmen Temperaturen verbringen die Menschen zum Beispiel sehr viel mehr Zeit im Freien, wobei es keine Rolle spielt, ob man sich mit Freunden trifft, einfach nur rumsitzt und den typischen „Porro“-Tee trinkt, Fußball spielt oder Fiestas feiert.“

Von Finn Seifert und Constanze Wüstefeld

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