Interview mit Tierärztin Dr. Michaela Seifert

Weidetierbesitzerin und Naturschützerin: „Wölfe sind keine Kuscheltiere“

Geteiltes Herz: Dr. Michaela Seifert freut sich über den faszinierenden Wolf in Deutschland, doch hält sie auch Weidetiere und sieht Problematiken bei der Rückkehr des Wolfes in eine dicht besiedelte Kulturlandschaft. 
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Geteiltes Herz: Dr. Michaela Seifert freut sich über den faszinierenden Wolf in Deutschland, doch hält sie auch Weidetiere und sieht Problematiken bei der Rückkehr des Wolfes in eine dicht besiedelte Kulturlandschaft. 

Die Wolfssichtungen in der näheren Umgebung haben in den vergangenen Tagen zugenommen. Naturschützerin, Jägerin  und Tierärztin Dr. Michaela Seifert ist im Interview zwiegespalten.

„Wolfssichtung: Andreas Brandau aus Schemmern gelingen Filmaufnahmen“, „Besitzer vermutet Wolfsangriff: Vier Schafe bei Dens gerissen“, „Frau aus Eschwege sieht beim Austreten im Wald den Wolf“: Die Meldungen von Wolfssichtungen, gerissenen Tieren, Wildkameraaufnahmen und mysteriösen Kadaverfunden steigen stetig. 150 Jahre gab es keine heimischen Wölfe in Deutschland, jetzt sind sie zurück und bringen Ängste, Unklarheiten und Meinungsverschiedenheiten mit.

Frau Seifert, wie bewerten Sie das Comeback des Wolfes?

Als Naturschützerin freue ich mich über die Rückkehr des faszinierenden Tieres. Doch als Weidetierhalterin bin ich besorgt um meine Schafe und Rinder. Als Jägerin setze ich mich für die Ansiedlung von Rebhühnern ein. Die Bodenbrüter und das Niederwild werden unter einem weiteren Prädator leiden.

Wie würden Sie reagieren, wenn die Aufnahmen des Wolfes in der Nähe Ihrer Herde entstanden wären?

Ich würde mir um einen besseren Schutz meiner Tiere Gedanken machen und sie wahrscheinlich in den Stall bringen. Einen Teil der Schafe würde ich dann wahrscheinlich schlachten, weil ich ungern die ganze Herde im Stall am Haus überwintern lassen würde.

Der Wolf im Video aus Schemmern ist interessiert statt scheu. Wie schätzen Sie das Verhalten ein?

Der junge Wolf ist neugierig und zeigt keinerlei Angst vor der Maschine. Wölfe sind sehr lernfähig und verlieren zunehmend ihre natürliche Scheu, auch, weil sie bei uns keine Feinde haben. Das halte ich für eine bedenkliche Entwicklung: Wölfe sind keine Kuscheltiere!

Müssen Spaziergänger im Wald künftig Angst haben vor dem Wolf?

Meiner Meinung nach wird irgendwann der erste Mensch zu Schaden kommen, da die Wölfe die Distanz zum Menschen nicht mehr wahren. Deshalb steigt die Gefahr, jedoch besteht momentan noch kein Grund zur Panik für Menschen. Hunde dagegen sollten nicht alleine durch den Wald streunen.

Was wird sich mit dem Einzug des Wolfes ändern?

Ich denke, es wird nicht mehr möglich sein, überall unbeschwert spazieren zu gehen, und es wird Opfer bringen in der Landwirtschaft. Die Weidetierhaltung wird durch steigende Kosten nicht mehr realisierbar sein. Dies nun hätte Folgen für Mensch und Natur.

Kann das Zusammenleben vom Mensch und Wolf in Deutschland funktionieren?

Ich glaube, dass es schwierig wird dadurch, dass sich unsere Heimat in den letzten 150 Jahren geändert hat. Wir haben eine dicht besiedelte Kulturlandschaft, die vom Menschen durch Land- und Forstwirtschaft geprägt und von Verkehrswegen durchschnitten ist.

Wolfssichere Zäune: Ist der Aufwand realisierbar?

Es gibt wolfssichere Zäune, aber diese sind nur in Ausnahmefällen realisierbar, da die entstehenden Kosten dafür enorm hoch sind. Und Wanderschäfer können diese Zäune gar nicht gebrauchen.

Wie wird sich die Population der Wölfe entwickeln?

Wölfe werden sich zunehmen vermehren, da sie keine natürlichen Feinde haben, ein großes Nahrungsangebot haben und es kalte Winter, wie in Russland, hier nicht gibt. Mit zunehmender Population steigen auch die Konflikte und Probleme.

Haben Sie Herdenschutzhunde, die Ihre Weidetiere beschützen?

Nein, das kommt für uns nicht in Frage. Sie beschützen die Herde zwar sehr effektiv, allerdings beschützen sie die Herde nicht nur vor Wölfen, sondern auch vor anderen Hunden oder Menschen. Zudem sind die Anschaffungs- und Folgekosten der Hunde sehr hoch und stünden für eine kleine Herde, wie wir sie haben, nicht in sinnvoller Relation.

Wenn Sie in der Politik etwas ändern könnten zum Thema Wolf, welche Änderung würden Sie vornehmen?

Ich würde versuchen, die emotionale Diskussion zu versachlichen und die Menschen aufzuklären. Wenn der Bestand so rasant weiterwächst, muss man darüber nachdenken dürfen, die Zahl der Wölfe durch Abschuss zu dezimieren.

Wie wirkt sich der Wolf auf den Wald aus?

Das Schalenwild würde heimlicher werden und die Bestände würden sich wahrscheinlich verringern. Im Bezug auf den Wald würde das kein Nachteil sein. Das Muffelwild würde in Deutschland wohl verschwinden. Bodenbrüter wie das Rebhuhn und Niederwild wie der Feldhase würden unter einem weiteren Beutegreifer leiden.

Wie würden Sie sich entscheiden? Auf ihn schießen – oder den Wolf schützen?

Ich möchte weder den Wolf wieder ausrotten in Deutschland noch die Populationskurve unverändert steigen lassen. Wir müssen versuchen, mit dem Wolf zu leben, und das funktioniert nur, wenn der Wolf wieder Respekt und Angst vor den Menschen bekommt.

Wie entstehen die drastischen Meinungsverschiedenheiten der Bevölkerung?

Heute arbeiten und leben nicht mal mehr zwei Prozent der deutschen Bevölkerung in Land- und Forstwirtschaft. Dieser Umstand trägt meiner Meinung nach zu einer geradezu naiven Betrachtung von vielen Menschen in Bezug auf den Wolf bei. Eine romantisierte Verklärung dieser Art ist aber nicht angebracht.

Zur Person

Dr. Michaela Seifert (52) wohnt in Weidenhausen und hat dort ihre eigene Tierarztpraxis. Sie züchtet Australian Shepherd-Hunde, ist Pächterin des Jagdreviers Weidenhausen, Mitglied im Naturschutzbeirat und besitzt Rinder und Schafe auf Weiden um Weidenhausen. Außerdem treibt sie das Rebhuhnprojekt Meißner-Weidenhausen voran.

Von Carolin Eberth

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