Heute vor 82 Jahren war die Pogromnacht in Abterode

Zeitzeugin Toni Trebing erinnert sich an Pogromnacht: „Wir hatten alle Angst“

Toni Trebing (94) wurde am 31. Dezember 1925 in Abterode geboren und verbrachte fast ihr ganzes Leben dort. Als Zeitzeugin berichtet sie von den Novemberpogromen.
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Toni Trebing (94) wurde am 31. Dezember 1925 in Abterode geboren und verbrachte fast ihr ganzes Leben dort. Als Zeitzeugin berichtet sie von den Novemberpogromen.

Am 8. November 1938 fürchteten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Abterode um ihr Leben. Der Grund: die Pogrome der Nationalsozialisten. Zeitzeugin Toni Trebing erinnert sich.

Abterode – Mehr als 80 Jahre sind seit den Novemberpogromen vergangen, aber die Furcht steht Toni Trebing noch heute ins Gesicht geschrieben. Als zwölf Jahre altes Mädchen erlebte sie mit, wie Männer der Sturmabteilung (SA) die Synagoge in Abterode in der Nacht vom 8. November 1938 verwüsteten und Mitmenschen der jüdischen Gemeinde demütigten, misshandelten und verschleppten.

Hilfe für die jüdischen Mitbürger

„Gegen uns waren die auch, weil wir eine jüdische Familie aufgenommen hatten“, erzählt die zierliche Frau beim Besuch im Hospital St. Elisabeth in Eschwege, wo die Seniorin heute lebt. Auch wenn Eindrücke der jüngsten Zeit bei der 94-jährigen Zeitzeugin nach und nach verblassen, so sind die Erinnerungen an ihre Kindheit in Abterode noch immer präsent. „Wir waren eine judenfreundliche Familie“, sagt Toni Trebing. Sie erinnert sich daran, wie ihre Familie der jüdischen Gemeinschaft im Dorf heimlich geholfen hat. Sie selbst hat für jüdische Familien eingekauft und ihnen Lebensmittelmarken gebracht. „Damit sie etwas zu essen hatten“, erklärt sie. „Mein Vater hat für die Juden heimlich geschlachtet. Das durften sie ja selbst nicht. Das war verboten“, erinnert sich die 94-Jährige. In der Schule sei sie deshalb manchmal gemieden worden.

Der 8. November 1938 in Abterode

Am 8. November 1938 ist Toni Trebing dann den Männern der SA in Abterode begegnet. „Die SA ist auf der Hauptstraße aufmarschiert. Immer hin und her. Plötzlich stand die bei uns auf der Straße. Ich bin sofort nach Hause gelaufen, um das zu erzählen“, beschreibt Toni Trebing in einem 2019 aufgezeichneten Interview mit Dr. Martin Arnold, Vorsitzender des Vereins „Freunde und Freundinnen des jüdischen Lebens im Werra-Meißner Kreis“, das der Redaktion zur Verfügung steht.

Toni Trebings Elternhaus befand sich in der Kupfergasse 1 mit direkter Sicht auf die Synagoge. Neugierig, wie sie als Kind war, beobachtete sie aus dem Fenster heraus, was draußen vor sich ging. „Mach dein Fenster zu. Zu euch kommen wir auch noch, ihr habt doch auch noch Juden im Haus“, sagte ein SA-Mitglied zu ihr. Mit erhobenem Zeigefinger ahmt Toni Trebing den Mann nach. „Das war alles ziemlich heikel“, erinnert sie sich mit weit aufgerissenen Augen.

Die Truppen zogen von Haus zu Haus. Als Toni Trebing später doch wieder das Fenster öffnete, hörte sie, wie die SA-Männer zu einer bekannten jüdischen Familie gehen wollten. „Die werden denen doch hoffentlich nichts tun“, habe sie als zwölf Jahre altes Mädchen gedacht. Das Geschehen genau vor Augen, schlägt sich die Seniorin erschrocken die Hand vor den Mund.

Die SA hat in der Synagoge in Abterode gewütet

„Dann auf einmal klirrt es“, beschreibt sie. Da habe sie erst begriffen: Die Truppen waren schon in der Synagoge. Immer wieder habe es geklirrt und gerappelt. „Es war gräulich. Die haben alles kaputt geschmissen“, sagt sie. Die 94-Jährige schüttelt immer wieder mit dem Kopf. „Das war nicht nur für die Juden, sondern auch für uns ein Schreck.“

Die SA hat in der Synagoge gewütet. Mit großen, langen Stöcken holten die Männer auch alle Leuchter von der Decke der Synagoge. Außerdem berichtet Toni Trebing davon, Schreie von Menschen, die geschlagen wurden, gehört zu haben. Menschen wurden durch die Straßen geführt, getreten und Schlimmeres. „Die Juden wurden verhaftet. Wir wurden ausgefragt“, sagt sie im persönlichen Gespräch mit unserer Zeitung. Ihre Stimme bricht an dieser Stelle etwas. Ebenso in dem auf Video aufgezeichneten Interview. „Wir hatten alle Angst. Das war schlimm.“ Mit dem Angriff habe niemand gerechnet, sagt Toni Trebing. „Das war damals für alle Abteröder ein furchtbarer Schrecken.“

Die Leute haben die Fenster und Türen zu gelassen.

Toni Trebing, Zeitzeugin

Am nächsten Tag, als Toni Trebing gegen 8 Uhr zur Schule ging, konnte sie etwas an der Synagoge beobachten: Eine jüdische Frau und ihre Tochter wurden gezwungen, an der verwüsteten Synagoge Unkraut zu jäten. „Und die SA-Männer haben dabeigestanden. Die Frauen hockten sich da hin und hatten Angst. Und die Männer standen über ihnen und haben mit ihnen geschimpft.“

Die Synagoge in Abterode um 1900 herum. 1938 wurde sie von Männern der Sturmabteilung verwüstet.

Insgesamt habe man von anderen Menschen am Tag nach der Nacht des 8. Novembers 1938 aber wenig gehört und gesehen. Die Leute haben die Fenster und Türen zu gelassen, beschreibt Toni Trebing. „Die hatten ja auch Angst. Es war sich keiner sicher: Wirst du verschont oder kommst du auch noch dran?“ Denn Abterode sei dafür bekannt gewesen, dass dort viele Juden lebten. Da habe man mit vielen Kontakt gehabt. „Die gehörten ganz einfach dazu“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hat das nationalsozialistische Regime deutschland- und österreichweit gezielte Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung organisiert. Insgesamt wurden 1400 Synagogen und Beträume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört und verwüstet. Zehntausende Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt, Hunderte ermordet. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der Juden zu ihrer systematischen Vernichtung.

In Abterode und anderen Orten Nordhessens fand der Pogrom einen Tag früher statt, am 8. November 1938. Dr. Martin Arnold vom Verein „Freundinnen und Freunde des jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ beschreibt das als eine Art Auftakt aller Pogrome. Männer der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) haben in Abterode die Synagoge aufgebrochen, verwüstet und Fenster eingeschlagen, berichtet Arnold. Sie haben Teile der Einrichtung, auch die Tora-Rollen, auf die Straße geworfen und angezündet. Die Juden mussten sich gegenüber der Synagoge aufstellen, wo sie zusehen mussten und gedemütigt wurden.

Neben der Synagoge wurden die jüdische Schule und Wohnhäuser verwüstet. Mehrere jüdische Männer wurden verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. 1933 gab es in Abterode 93 Mitglieder in der jüdischen Gemeinde. Sie wurde durch die Vernichtung der verbliebenen Juden 1942 ausgelöscht.

Die Pogromnacht erschütterte Toni Trebing bis ins Mark. Das sieht man ihr heute noch an. „Es war gräulich. Ich habe mich gefürchtet. Auch danach noch“, sagt die Zeitzeugin. „Mindestens ein Vierteljahr bin ich abends nicht alleine rausgegangen. Ich hörte immer noch dieses schreckliche Klirren.“

Zeitzeugenberichte und viele weitere Informationen rund ums jüdische Leben gibt es in Ausstellungen und Führungen der Synagoge in Abterode. Für den 27. Januar 2021 ist ein Rundgang zum Gedenken an der Synagoge in Abterode geplant. (Jessica Sippel)

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