Unterstützung für Sterbende und deren Angehörige

Fünf Hospizdienste leisten im Kreis wertvolle Arbeit

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Hospizdienst

Datterode. Fünf Hospizdienste gibt es im Werra-Meißner-Kreis, einer davon hat seinen Sitz mit gut 30 Mitarbeitern in Datterode. Die Ehrenamtlichen helfen sowohl Sterbenden als auch deren Angehörigen.

Die päppel ich schon wieder auf, dachte sich Bärbel Wirt, als ihre Mutter vor vier Jahren aus dem Krankenhaus nach Hause kam – um zu sterben. Wahrhaben wollte die damals 54-Jährige das jedoch nicht, weshalb sie sich sicher war, dass mit der richtigen Pflege schon alles wieder gut werden würde.

Wurde es nicht. Statt stärker wurde ihre Mutter immer schwächer, Wirt selbst immer hilfloser und ohnmächtiger. Bis die Ehrenamtlichen vom Hospizdienst kamen. Der ist beim Verein Freunde und Förderer der Diakonie in der Region Eschweger Land (FFD) angesiedelt und kümmert sich um Menschen, die unheilbar krank sind, oder um die Angehörigen der Patienten. „Der hat mir viel Sicherheit gegeben“, blickt Wirt zurück. Für sie war es tröstlich zu wissen, dass jemand da war. Jemand, der ihr sagte, dass sie nichts falsch mache, solange sie die Wünsche ihrer Mutter respektiere. Jemand, dem sie sich anvertrauen konnte. Und jemand, der ihr beibrachte, das unausweichliche Ende des Lebens ihrer Mutter zu akzeptieren und sie loszulassen.

„Ich war so dankbar für die Zeit, die man sich für mich und meine Mutter genommen hat“, sagt Wirt. Aufgrund dieser Erfahrung beschloss die Frau aus dem Ringgau, sich ebenfalls ehrenamtlich im Hospizdienst zu engagieren und anderen Menschen zu helfen. Zusammen mit ihrer Schwester Elisabeth Herbig begann sie die Ausbildung zum Hospizhelfer.

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Das will auch die 57-jährige Angela Ackermann aus dem Südringgau. Genau wie die beiden Schwestern hat sie die Ausbildung vor vier Jahren begonnen, ist seitdem regelmäßig im Einsatz. „Es kommt vor, dass man manchmal nur eine halbe Stunde gebraucht wird, es gibt aber auch Patienten, die ich schon seit einem Jahr begleite“, erzählt sie. Einem Muster, was sie mit ihnen macht, folgt sie nicht. „Manchmal sitze ich einfach zwei Stunden da und halte die Hand oder lese etwas vor oder höre zu.“ Das komme immer darauf an, was der sterbende Mensch gerade möchte.

„Dazu sind wir da“, erzählt sie, „die Wünsche der sterbenden Menschen zu erfüllen.“ Das sei bei jedem Menschen unterschiedlich, weiß auch Bärbel Wirt, weshalb jede Begleitung anders sei. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass es als Angehöriger nicht einfach ist, den Wünschen der Sterbenden, die oft nicht mit den eigenen übereinstimmen, zu respektieren. „Zum Beispiel werden die Menschen dann noch gefüttert, obwohl sie nichts mehr essen möchten“, sagt sie. Auch in ihrem Fall habe diese Erkenntnis gedauert, beschert habe sie ihr aber eine lächelnde Mutter. „Ich habe ihre Lieblingsfrucht, die Ananas, eingefroren und ihr damit über den Mund gestrichen“, erzählt Wirt, „so konnte sie die noch mal schmecken.“

30 Ehrenamtliche engagieren sich

Gut 30 Ehrenamtliche engagieren sich bei dem Hospizdienst des Vereins Freunde und Förderer der Diakonie in der Region Eschweger Land (FFD) in den Gemeinden Herleshausen, Ringgau, Weißenborn, Waldkappel, Meißner und Berkatal. Insgesamt gibt es im Kreis fünf Hospizdienste, die alle Gemeinden abdecken. Deren Hauptaufgabe ist es, sich um die Sterbenden und deren Angehörige zu kümmern.

Ausbildung zum Hospizhelfer

Wer sich ehrenamtlich im Hospizdienst engagieren möchte, muss zuvor eine Ausbildung absolvieren. Die dauert ein knappes Jahr und umfasst drei Blöcke. Der erste besteht aus einem Grundkurs, der acht Unterrichtseinheiten umfasst und sich unter anderem mit dem Loslassen, dem Wahrnehmen und dem Zuhören befasst. Der zweite Block ist eine Praktikumseinheit: Dort müssen zehn bis zwölf Besuche absolviert werden. „Aber nicht bei sterbenden Menschen“, sagt Leiterin Sabine Deiß, „sondern bei älteren Menschen, die allein sind.“ Die können entweder in Privatunterkünften wohnen oder in einem Heim. Der dritte Block befasst sich wieder mit theoretischem Wissen: In wieder acht Einheiten befasst man sich unter anderem damit, wie man selbst mit diesem Thema umgeht. Zu erreichen ist der Hospizdienst mit Sitz in Datterode unter Tel. 05658/9228520 oder per Mail: hospizdienst@diakonie-esw-land.de.

„Wir brauchen aber natürlich auch immer wieder Hilfe beim Flyerauslegen oder Spendendosenverteilen oder beim Waffelnbacken, wenn irgendwo eine Veranstaltung ist“, sagt Sabine Deiß. Die 52-Jährige leitet die 30-köpfige Gruppe seit fünf Jahren, kann sich an jede einzelne Betreuung erinnern, selbst wenn sie die Schicksale nur aus den Erzählungen ihrer überwiegend weiblichen Kollegen kennt.

„Wir tauschen uns natürlich schon aus, auch, um manches Erlebte verarbeiten zu können“, erzählt die Frau mit dem warmen Lächeln und den freundlichen Augen. Mindestens viermal im Jahr gibt es deshalb eine Supervision, in denen von besonders schlimmen Momenten erzählt wird – oder von den schönen. „Es macht einen glücklich, wenn sich die Menschen mit ihren Blicken oder auch teils wenigen Worten bedanken“, sagt die älteste Hospizbegleiterin Anni Horn (75), „jede Begleitung der Menschen ist auch eine Bereicherung.“

Nah gehen einem aber vor allem die Momente, wenn die Ehrenamtlichen mitbekommen, wie sich eine Tochter von ihrem Vater oder ein Mann von seinem Bruder verabschiedet. „Das sind Erlebnisse, die man nicht mehr vergessen wird“, sagt Elisabeth Herbig, seit 2012 im Hospizdienst tätig. Dabei sei es gut, wenn die Angehörigen den alten oder kranken Menschen sagen, dass sie gehen dürfen – „wir haben die Erfahrung gemacht, dass die sterbenden Menschen dann tatsächlich loslassen können.“

Sterbend: Herbig und ihre Kollegen benutzen diesen Begriff selbstverständlich, sie wissen, was das bedeutet: die Haut und die Atmung der Menschen verändert sich, der Blick wird glasig und geht durch einen durch. „Man sieht den Menschen schon an, wenn sie die Kraft verlässt“, sagt Deiß. Das sollte auch in der betroffenen Familie thematisiert werden, damit die noch genügend Zeit zum Verabschieden hat – das gilt auch für Kinder. „Die können mit einer schonenden Wahrheit besser umgehen als mit der Ungewissheit“, hat Herbig die Erfahrung gemacht.

Dem kann Pfarrer André Lecke aus Bischhausen nur zustimmen. Für ihn ist es wichtig, dass diese von Angst besetzte letzte Lebensphase durchbrochen wird. „Wir werden geboren, um zu sterben“, sagt er. Statistisch gesehen würden das die meisten leider im Krankenhaus machen, er möchte versuchen, den Menschen zu ermöglichen, den letzten Weg zuhause zu gehen.

Von Constanze Wüstefeld

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