Volker Bernhardt hat in seinem Speicher einen ehemaligen Standesamtsschrank samt Inhalt

Mit königlichem Segen getraut: Ein Schatz in Netra

Links: Volker Bernhardt zeigt den 1,40 Meter breiten und 1,90 Meter hohen Schrank, in dem Standesbeamte wie sein Vater die Akten aus dem Bezirk aufbewahrten. Rechts: die Gesetzessammlung von 1874.
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Volker Bernhardt zeigt den 1,40 Meter breiten und 1,90 Meter hohen Schrank, in dem Standesbeamte wie sein Vater die Akten aus dem Bezirk aufbewahrten.

Die Nachweise über alle Eheschließungen im Bezirk lagerten jahrzehntelang in nur einem Schrank – und der steht heute auf dem Dachboden von Volker Bernhardt aus Netra.

Netra - „Mein Vater war lange Standesbeamter im Bezirk und verheiratete Paare“, erzählt der Rentner. Denn noch vor der Gebietsreform, die von 1969 bis 1979 stattfand, war jedem Standesamt ein eigener Bezirk zugeteilt. Erst in den 1980er-Jahren wurde das Standesamtswesen in die Gemeinde eingegliedert.

„Um das Jahr 1900 war der Standesbeamte ein Herr Liebisch, dann kam Herr Opfer und dann wurde mein Vater, Dietrich Bernhardt, Standesbeamter“, erinnert sich der 79-Jährige heute. Ab den 1950er-Jahren war Dietrich Bernhardt für 20 Jahre der Standesbeamte im Bezirk und traute die Paare im eigenen Haus.

Denn statt in einem öffentlichen Gebäude fanden die Eheschließungen im heutigen Wohnzimmer der Familie Bernhardt statt. „Vor dem Fenster saß der Beamte und davor waren die Eheleute und die Trauzeugen“, berichtet Volker Bernhardt, während er das geräumige Wohnzimmer des blauen Fachwerkhauses abschreitet. „Geheiratet wurde immer samstags, und sonntags ging es dann in die Kirche“, so Bernhardt.

Die Trauung vor dem Standesamt habe allerdings nur im kleinen Rahmen stattgefunden und die Familie des Standesbeamten nahm, anders als heute, auch an der Feier teil. „Das war immer sehr familiär und nach der Eheschließung wurde ein Schnaps getrunken oder es ging in die Wirtschaft“, sagt Bernhardt fröhlich.

Auch die Hochzeit von Volker und Anneliese Bernhardt fand 1967 in ihrem heutigen Wohnhaus statt und wurde von Dietrich Bernhardt geschlossen.

Die Gesetzessammlung von 1874.

Das Ehepaar feierte vor Kurzem goldene Hochzeit und ist damit eines von vielen Paaren, dessen in Netra geschlossene Ehe lange hielt. „Mein Vater war immer ganz stolz darauf, dass von ihm getraute Eheleute auch zusammenblieben“, erzählt Volker Bernhardt. Teil seiner Strategie seien hierbei die vor einer Hochzeit anstehenden Gespräche gewesen. Diese „Aufgebote“ waren eine Spezialität von Dietrich Bernhardt. Der Vater habe den Anwärtern bei diesen Treffen ins Gewissen geredet und ihre Absichten sorgfältig überprüft, erinnert sich der 79-Jährige. „Wenn die sich nicht ganz sicher waren, kamen die am nächsten Tag nicht wieder“, so der Rentner.

Das Recht, Paare im Namen des Gesetzes zu verheiraten, gab dem Standesbeamten ein Dokument, das noch heute im Besitz von Volker Bernhardt ist. Die Gesetzessammlung für die „königlich preußischen Staaten“ aus dem Jahr 1874 ist etwas angegilbt, aber noch deutlich lesbar. Darin überträgt König Wilhelm der Erste den Standesämtern das Recht, Geburten, Heiraten und Sterbefälle zu beurkunden. Auch durften die Bürgermeister der Stadtgemeinden das Amt eines Standesbeamten übernehmen oder übertragen. „Mein Vater war auch eine Zeit lang Bürgermeister“, erinnert sich Volker Bernhardt.

So galten die Gesetze zur Zeit Bismarcks auch noch vor 50 Jahren in Netra und Umgebung. Gebühren gab es allerdings schon damals – eine handschriftliche Kopie kostete eine halbe Mark. (Kim Hornickel)

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