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Interview: Helene Horlacher (27) über ein Jahr in der  Kommunalpolitik

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Von: Stefanie Salzmann

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Gemeindevertreterin Helene Horlacher (27) aus Netra.
Nach einem Jahr realer Kommunalpolitik in der Gemeinde Ringgau setzt die junge Gemeindevertreterin Helene Horlacher (27) aus Netra auf neue Denkmodelle statt Resignation. © Stefanie Salzmann

Werra-Meißner – Vor der letzten Kommunalwahl im Frühjahr 2021 waren sie Kandidaten, jetzt sitzen sie in den Gemeindeparlamenten. Junge Köpfe in unabhängigen Wählergemeinschaften haben den Sprung in die Kommunalpolitik gewagt.

Wie sich reale Politik nach gut einem Jahr anfühlt, darüber haben wir mit der Ringgauer Gemeindevertreterin für die Initiative L(i)ebenswerter Ringgau (ILR) Helene Horlacher (27) gesprochen.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wo liegt Ihr Frustrationsgefühl nach einem guten Jahr realer Kommunalpolitik?

Helene Horlacher: Etwa bei einer Drei.

Das klingt besser als erwartet.

Horlacher: Das Elend im Ringgau ist noch da, aber ich habe Hoffnung. Es war aber schon mal klasse, in der Zeit so viele Einblicke gewinnen zu können.

Wie war die Einarbeitung?

Horlacher: Sehr anstrengend. Es gab viele Informationen auf einmal. Allerdings gab es auch viele Leute von außerhalb der Gemeindevertretung, die uns mit ihren Erfahrungen unterstützt haben. Wertvoll war auch die enge Zusammenarbeit von Beginn an mit dem Bürgermeister und der Kämmerin.

Konkret?

Horlacher: Es gab zum Beispiel einen fraktionsübergreifenden Arbeitskreis, in dem wir in die Haushaltsführung eingeführt wurden.

Können Sie einen Gemeindehaushalt lesen?

Horlacher: Ja. Allerdings mit Rückversicherung, ob ich in meiner Deutung richtig liege. Und ich brauche auch Zeit, um mich einzuarbeiten.

Die ILR ist zur Kommunalwahl 2021 angetreten mit jungen Köpfen und dem Willen zu Transparenz und Mitgestaltung und hatte damit einen enormen Wahlerfolg. Können Sie Ihre Versprechen halten?

Horlacher: Die Grenze liegt immer bei den Finanzen. Das Regierungspräsidium muss jede Ausgabe im Ringgau absegnen. Der Spielraum ist also mehr als begrenzt. Aber wir sind dabei, andere Denkansätze zu verfolgen. Bisher haben wir nur reagiert. Aber das genügt nicht. Wir müssen agieren.

Andere Denkansätze. Was könnte das sein?

Horlacher: Das sind noch ungelegte Eier. Aber man sollte mehr auf Motivation und Eigeninitiative, aber auch Leistung der Ringgauer setzen. Denkbar wäre, auch zu gründende Stiftungen und Vereine in die Schaffung von Infrastruktur einzubinden, ohne dass die Gemeinde belastet wird.

Im letzten Jahr haben Sie als Gemeindevertreterin bereits eine Reihe von Entscheidungen mitgetragen: Was war schwer, was war leicht?

Horlacher: Wir sind leider in Ringgau nicht in der Situation, in der uns die Entscheidungsgewalt zu 100 Prozent obliegt. Was uns die Verwaltung vorlegt, ist im Sinne der Gemeinde. Der logische Weg ist Zustimmung. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass wir nicht kritisch hinschauen.

Gibt es Projekte, die die ILR bereits auf den Weg gebracht hat?

Horlacher: Ja. Die Einrichtung eines Kinder- und Jugendbeirates, der jetzt mit der neuen Geschäftsordnung der Gemeindevertretung beschlossen wurde. Den zu installieren und arbeitsfähig zu machen, bedeutet jetzt im Nachgang viel Arbeit. Ein Zeichen schlechthin, dass wir so ein Instrument aber brauchen, sind im Parlament Nico Fischer mit 26 Jahren und ich mit 27.

Die ILR hat sich im Wahlkampf gegen die geplante Windkraft im Ringgau gestellt. Wie sieht es heute damit aus?

Horlacher: Erst jetzt ist ersichtlich, dass rechtlich dagegen nichts mehr zu machen ist. Diese Entscheidung pro Windkraft haben vor uns andere getroffen. Ich halte es für verschwendete Energie, sich jetzt dagegen aufzubäumen. Stattdessen sollten wir sehen, dass die Gemeinde jetzt wenigstens finanziell davon profitieren kann. Ich gehe aber davon aus, dass wir da in der Fraktion nicht einer Meinung sein werden.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den sogenannten „alten Hasen“ im Parlament? Auf Augenhöhe?

Horlacher: In den meisten Fällen funktioniert das eigentlich gut. Sie haben viel Erfahrung. Es hilft, ihnen zuzuhören, selbst wenn es um bürokratische Dinge geht. Aber es ist schon so, dass neue Ideen und Fragestellungen nicht immer willkommen sind.

Wie gehen Sie mit dem gern gesagten Argument um: „Das haben wir schon immer so gemacht“ ?

Horlacher: Ich versuche, wenn jemand argumentiert, das habe man schon immer so gemacht, konstruktiv zu bleiben und mich darauf einzulassen. Aber zugleich stelle ich meine Option vor, wie man ein Thema angehen kann.

Was kostet Sie die Arbeit als Parlamentarierin an Zeit?

Horlacher: Viel Zeit. Ich habe den Anspruch, im besten Fall alle Vorlagen durchgearbeitet zu haben und in der Verwaltung bei offenen Fragen noch nachgefragt zu haben. Oft verzichte ich auf Sport, um an Sitzungen teilzunehmen oder für repräsentative Aufgaben, wie beispielsweise bei der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr dabei zu sein.

Wie ist das Feedback aus der Bevölkerung?

Horlacher: Die Gespräche mit den Menschen sind eigentlich immer offen. Viele berichten dann von ihrem Unverständnis und Missmut über politische Entscheidungen. Dann muss man erklären und aufklären. Aber das ist in Ordnung.

Warum sind Sie in die Politik gegangen?

Horlacher: Ich kam 2016 zurück ins Ringgau, wo ich aufgewachsen bin. Ich war schon immer politisch interessiert und wollte einen Perspektivwechsel, weil ich festgestellt habe, dass ich viele Dinge nur am Rand mitbekomme. Das hat mir nicht gereicht. Ich habe Gemeindevertretersitzungen besucht, aber da war bereits das meiste ausdiskutiert.

Würden Sie in der nächsten Wahlperiode weitermachen mit der Politik?

Horlacher: Ja. Unter den jetzigen Bedingungen ist alles gut. Es macht Spaß, Einblicke in die Materie zu bekommen und mitzumachen. Aber man muss ja auch trotzdem noch gewählt werden.

Von Stefanie Salzmann

Zur Person

Helene Horlacher (27) ist Technische Prüfingenieurin beim TÜV. Sie lebt in Netra, wo sie auch geboren und bis zum Schulalter aufgewachsen ist, bevor sie mit ihren Eltern ins Rhein-Main-Gebiet zog. Ihr Abitur hat sie in England gemacht, anschließend studierte sie Baumanagement in Weimar, ein Jahr Medizin in Stettin und entschied sich dann für ein duales Maschinenbaustudium in Eisenach. 2020 machte sie ihren Bachelor, danach folgte die zehnmonatige Ausbildung zur Prüfingenieurin. 2020 zählte sie zu den ersten Mitgliedern und Aktiven der neu gegründeten Initiative L(i)ebenswerter Ringgau (ILR) in Ringgau, die zur Kommunalwahl 2021 erstmals als Wählergemeinschaft antrat und jetzt gleichauf mit der SPD und der ÜWG (alle vier Sitze) das Parlament in Ringgau besetzt.

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