Ochsentour durch Ämter

Schwerbehinderte  Gertrud Ziegler muss um Führerschein kämpfen

Rambach. Gertrud Ziegler lässt sich nicht entmutigen. Und dass, obwohl die Rambacherin in den vergangenen Monaten eine wahre Ochsentour durch Ämter und Behörden hinter sich gebracht hat, welche sie und ihren Ehemann vor eine nervliche Zerreißprobe gestellt habe.

Ihr Ziel aber will die Schwerbehinderte trotzdem nicht aus den Augen verlieren: „Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Menschen mit Handicap sollen in unserer Gesellschaft, erst recht in der Modellregion Inklusion, endlich Chancengleichheit erhalten.“

Die Ausgangslage

Gertrud Ziegler leidet nach einem unverschuldeten Unfall im häuslichen Bereich unter Beinfunktionsstörungen. Hinzu kommt eine schwere Form von Fettsucht (Adipositas per magna). „Nach vier Jahren im Rollstuhl hatte ich einen Traum“, sagt Gertrud Ziegler und kämpft mit den Tränen: „Ich wollte den Weihnachtsmarkt auf Gut Hohenhaus besuchen.“ Weil aber dort die für sie geeigneten Parkmöglichkeiten rar seien, habe sie ihren Ehemann Kai Ziegler bevollmächtigt und im Dezember zur Zulassungsstelle nach Eschwege geschickt, um eine Parkerleichterung zu beantragen (siehe Hintergrund).

Der Vorwurf

„Was dann folgte, kann ich noch immer nicht fassen“, sagt Gertrud Ziegler mit einem Kopfschütteln. „Nur mit Blick auf meine Diagnosen wurde ich vom zuständigen Sachbearbeiter – der kein Arzt ist – telefonisch aufgefordert, meinen Führerschein abzugeben.“ In einem Schreiben, welches der Werra-Rundschau vorliegt, wurde ihr mitgeteilt, dass erhebliche Zweifel an ihrer Fahrtüchtigkeit bestehen. „Dabei besitze ich meinen Führerschein seit dem Jahr 1978, fahre seitdem unfallfrei und niemals unter dem Einfluss von Medikamenten“, sagt Ziegler.

Die Folgen

Gertrud Ziegler

Um einem drohenden Entzug ihres Führerscheins zu entgehen, auf den die Pächterin des Dorfgemeinschaftshauses Rambach dringend angewiesen ist, muss sich Gertrud Ziegler einem amtsärztlichen Gutachten sowie einer Fahrprobe unterziehen. Insgesamt belaufen sich die entstehenden Kosten auf rund 1000 Euro. „Doch das ist nicht das Schlimmste“, sagt Ziegler. So habe der Aufzug ausgerechnet im Gebäude des Gesundheitsamts nicht funktioniert: „Unter unsagbaren Schmerzen musste ich mich die Treppenstufen hinauf- und wieder herunterziehen.“

Schwierig auch die Fahrprobe wenige Monate später: Im ganzen Kreisgebiet war kein Auto aufzutreiben, das für die Körperfülle der Rambacherin geeignet war. In ihrem eigenen Wagen habe sie den Test nicht absolvieren dürfen. „Zwischenzeitliche Gespräche auf den Ämtern scheiterten, und auch ein Gesuch an Landrat Stefan Reuß fruchtete nicht“, sagt Ziegler. Notgedrungen musste sie die Fahrprobe schließlich in einem Automatik-Fahrzeug absolvieren. Wie auch das Gutachten bestand sie selbige mit Bravour. „Doch mein Auto mit Schaltgetriebe muss ich nun trotzdem verkaufen“, sagt Gertrud Ziegler resigniert: Ihre neu ausgestellte Fahrerlaubnis gilt ausschließlich für Automatikwagen.

Hintergrund: Behindertenparkplatz nur mit Merkzeichen

Auf einem Behindertenparkplatz dürfen laut geltender Rechtslage ausschließlich Schwerbehinderte parken, die sich außerhalb ihres Wagens nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstrengung fortbewegen können. Den blauen Ausweis, der zum Parken auf den speziell gekennzeichneten Flächen berechtigt, erhalten ausschließlich Personen mit den Merkzeichen „außergewöhnlich gehbehindert“ (aG) oder „blind“ (Bl). Ein Schwerbehindertenausweis alleine reicht nicht aus. Gertrud Ziegler erfüllt diese Bedingung: Das Merkzeichen „aG“ wurde ihr vom Hessischen Amt für Versorgung und Soziales in Kassel bescheinigt.

Von Emily Spanel

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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