In Datterode hat Anita Bohlig ein zweites Zuhause gefunden

Berlinerin findet Stück Heimat im Ringgau

+
Nicht mehr auf der Durchreise: Die gebürtige Eisenacherin Anita Bohlig (81) lebt einen Teil des Jahres in Datterode, das sie an ihre Heimat erinnert, aus der sie 1945 flüchten musste. 

Datterode. Sie wohnt in Berlin - und hat im Ringgau ihre zweite Heimat gefunden: Antia Bohlig. 

Wenn Anita Bohlig vom Balkon ihres Hauses in Datterode über die sanften Höhenzüge, die den Ort umschließen, schaut, empfindet sie so etwas wie Heimat. „Diese Landschaft hier ist mir so vertraut, sie hat so viel Ähnlichkeit mit dem Ort meiner Kindheit“, sagt sie. Deshalb fiel die Entscheidung auf Datterode, als die heute 81-Jährige Mitte der 1980er-Jahre gemeinsam mit ihrem Mann einen Kontrast zu ihrem Wohnort Berlin schaffen wollte.

Anita Bohlig wurde 1936 in Eisenach geboren und wuchs bis kurz nach Kriegsende im thüringischen Bad Liebenstein auf, wo ihr Großvater Richard Bohlig 1902 die „Erste Thüringer Keksfabrik“ gegründet hatte. Auf Befehl der russischen Alliierten wurde das Unternehmen noch 1945 beschlagnahmt und drei Jahre später enteignet.

Die Familie floh zum Teil auf abenteuerliche Weise nach Westdeutschland, Anita Bohligs Eltern blieben in Koblenz. Sie selbst studierte in Bonn und Saarbrücken Wirtschaftswissenschaften und wechselte 1959 nach Berlin. Hier lernte sie zehn Jahre später auch ihren Mann Stefan Bongers kennen, den Sohn Theodor Rosenhauers, eines der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhundert.

Auf ihren vielen Reisen zwischen dem damaligen Westberlin und Koblenz, dem Wohnort ihrer Eltern, führte sie der Weg wegen der unterbrochenen Autobahn immer wieder durch den Werra-Meißner-Kreis. Eine Berliner Freundin von ihr hatte ein altes Bauernhaus in Netra gekauft, und irgendwann ergab es sich, dass ein passendes Grundstück in Datterode verfügbar war. „Die Gegend ist mir so vertraut, weil sie so viel Ähnlichkeit mit meiner thüringischen Heimat hat. Es gefiel uns beiden hier.“

Doch erst als Anita Bohlig und ihr Mann sich Mitte der 1990er-Jahre in den Ruhestand begaben, bauten sie in Datterode. Nach zwei Jahren war das Haus fertig und das Paar lebt seither ein Drittel des Jahres fernab der Großstadt. 2012 starb Stefan Bongers, doch Anita Bohlig bleibt Datterode treu.

Das Paar tat in den 1980er-Jahren das, was viele Westberliner im ehemaligen Westdeutschland taten – sich ein zweites Standbein schaffen. Denn dass die Mauer wenige Jahre später endgültig fiel, war nicht absehbar. „Ich wollte damals nicht erleben, dass Berlin Hauptstadt der DDR wurde“, sagt Anita Bohlig.

Anita Bohlig fühlte sich in dem kleinen Ort in Ringgau immer gut angenommen. Der Kontakt mit der Familie Ritz, bei der das Paar ursprünglich als Pensionsgäste wohnte, besteht bis heute freundschaftlich. Doch auch Freundschaften zu Nachbarn haben sich im Laufe der Jahre entwickelt. „Ich fühle mich wohl und angenommen hier, und wenn ich Hilfe brauche, kommt immer jemand.“ Nur einen ernsten Makel hat Anita Bohlig an ihrer Zweitheimat ausgemacht. Will sie ins Internet, um Whatsapp-Nachrichten zu empfangen oder zu versenden, muss sie die Straße ein Stück runtergehen und an einem Stromverteilerkasten auf ein paar kleine Balken Empfang warten. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.