Klischees überwinden

Mal Piratenkapitän, mal Peter Pan: Steffen Naumann ist Erzieher

Raus aus der Rolle: Steffen Naumann ist seit 13 Jahren Erzieher und hat seine Berufung gefunden.
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Raus aus der Rolle: Steffen Naumann ist seit 13 Jahren Erzieher und hat seine Berufung gefunden.

Klischees sind hartnäckig – auch, was die vermeintlich geschlechtertypische Berufswahl angeht. Wir porträtieren Menschen, die sich davon freimachen. 

„Wenn Erwachsenwerden bedeutet, es wäre unter meiner Würde, auf einen Baum zu klettern, dann werde ich nie erwachsen. Ich nicht!“ Einige Sekunden hat Steffen Naumann innegehalten und überlegt, ob das Zitat, entnommen der Kindergeschichte „Peter Pan“, wohl als Kompliment zu verstehen sei.

„Und natürlich ist es das“, sagt der 43-jährige Erzieher überzeugt – umschreibt es doch auf rührende Art und Weise den Kern seiner Arbeit. Sich selbst das innere Kind erhalten, mit Herz und Seele auf die Bedürfnisse der ihm anvertrauten Kinder eingehen – das gehört für ihn wie selbstverständlich zum Erzieherberuf. Und ja, so klettert Steffen Naumann auch schon mal auf Bäume, ist an einem Tag furchtloser Piratenkapitän und am nächsten „Oma Hildegard“; ist gefragter Ansprechpartner in Sachen Fußball und den Kindern des Ringgauer Kindergartens „Die kleinen Hände“ seit sechs Jahren ein wertvoller Begleiter, dem sie bedingungslos ihr Vertrauen schenken.

„Im Grundsatz ist es unwichtig, ob eine Frau oder eben ein Mann den Erzieherberuf ausübt – allein der Mensch und wie er die Arbeit mit Kindern auszufüllen weiß, zählt“, sagt Steffen Naumann. Wohl aber stellt er im Alltag Unterschiede in der Ansprache fest: „Während die Kinder sich etwa mit Bewegungswünschen eher an mich wenden, toben und laufen wollen, sind die Erzieherinnen in den klassisch weiblich besetzten Themen noch immer erste Ansprechpartnerinnen.“ Deshalb hält der 43-Jährige auch rein gar nichts von Männerquoten in den Kindertagesstätten. „Männer machen nicht alles besser als Frauen, aber anders. Der Mix macht’s. Das Gefüge muss stimmen.“

Allein unter Frauen arbeitet Steffen Naumann schon lange nicht mehr. Drei Männer umsorgen aktuell die „Kleinen Hände“ – so viele wie in wohl keiner anderen Kindertagesstätte im Kreis. Fortschrittlich – und vollkommen okay. Man müsse sich schließlich auch möglicher Bedenken der Eltern bewusst sein, mahnt der Erzieher – wenngleich er in der Gemeinde Ringgau als Mann im klassischen Frauenberuf nie mit solchen konfrontiert worden sei. „Im Gegenteil“.

Den Erzieherberuf nun legt Steffen Naumann jedem Mann wärmstens ans Herz. „Jeder Tag ist anders. Das Tolle: Du kannst alles von dir einbringen. Du denkst dir etwas aus, machst es und weißt sofort, woran du bist. Kinder verstecken nichts vor dir.“

Ein klassischer Quereinsteiger in den Beruf ist der 43-Jährige im Übrigen selbst: Geboren und aufgewachsen in Berlin, Berufswunsch Koch, geworden zunächst Maurer in Hannover. Als Bundeswehrsoldat war er unter anderem im Kosovo und in Serbien stationiert, hat dort Aufbauhilfe an Schulen geleistet. In Italien kämpfte er gegen Hochwasserkatastrophen. „Unendlich dankbar“ für diese prägende Zeit ist Steffen Naumann noch heute; hat er doch gelernt, was Menschlichkeit bedeutet. Er misst Respekt, Zusammenhalt und Lebensfreude seitdem größte Bedeutung zu. Aus purem Zufall sei er gegen Ende seiner Bundeswehrzeit an einer Kindertagesstätte vorbei gelaufen – „und das war’s. Mein Bauch hat mir gesagt, das ist es.“ Schon am nächsten Tag hat er einen Praktikumsvertrag in der Tasche; durchläuft rund um Eisenach alle weiteren Ausbildungsschritte.

„Satt“, erklärt Steffen Naumann, „habe ich den Erzieherberuf in 13 Jahren nie gehabt.“ Hungrig auf Neues ist er, auf jeden Tag, der immer so anders ist als der vorherige. Den er ausfüllen kann mit seinem ansteckenden Lachen, der liebevollen Aufmerksamkeit, die er den Kindern zukommen lassen kann. Der Beruf als Berufung – ein sagenhaftes Glück, „über das ich mich freue wie ein Kind über ein Schokoeis“.

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