1. Werra-Rundschau
  2. Lokales
  3. Ringgau-Weißenborn

Von Südafrika nach Netra - Junges Paar hat in Ringgau neues Leben begonnen

Erstellt:

Von: Stefanie Salzmann

Kommentare

Im Moment ihr ganzer Stolz: Jarrod (29) und Jennifer (30) Van der Merwe aus Südafrika auf der Holztreppe ihre Hauses in Netra. Die Treppe haben sie gerade von sieben Schichten Ölfarbe befreit.
Im Moment ihr ganzer Stolz: Jarrod (29) und Jennifer (30) Van der Merwe aus Südafrika auf der Holztreppe ihre Hauses in Netra. Die Treppe haben sie gerade von sieben Schichten Ölfarbe befreit. © STEFANIE SALZMANN

Sie haben ihre Heimat Südafrika verlassen und eine neue in Ringgau-Netra gefunden. Jennifer und Jarrod Van der Merwe (29 und 30 Jahre alt) stürzen sich mit Feuereifer in die Renovierung eines alten Fachwerkhauses und freuen sich, dass der Ringgau ein bisschen wie Südafrika aussieht.

Netra – Die Betonskulptur eines sitzenden Elefanten ist eines der wenigen Erinnerungsstücke an ein anderes Leben in einem anderen Teil der Welt, die Jennifer und Jarrod Van der Merwe besitzen. Der Elefant hockt jetzt auf den grauen, schnörkellosen Terrassensteinen eines sanierungsbedürftigen Wohnhauses in Netra, das das junge Paar aus Südafrika gekauft hat. Vor einigen Wochen haben sie die Baustelle bezogen.

Die beiden hat es nicht in das abgelegene Ringgau verschlagen, um dort ihren Ruhestand zu verbringen, sondern um ein neues Leben anzufangen. Sie sind 29 und 30 Jahre alt – voller Elan und Schaffenskraft und mit einem völlig jammerfreien Blick in die Zukunft, wie man ihn sonst nur selten hierzulande antrifft.

„Wir haben uns vor allem sofort in diese Gegend verliebt, weil sie uns mit ihren Hügeln und dem vielen Grün an Südafrika erinnert hat“, sagt Jennifer. Denn das junge Paar hat seine Heimat nicht aus Abenteuerlust verlassen. Sondern aus Angst angesicht der Kriminalität und Gewalt, in der das Land teilweise versunken ist. Die richtet sich oft gegen den weißen Anteil der Bevölkerung, der inzwischen nur noch sechs Prozent ausmacht, erzählen sie.

„Wir haben uns vor allem sofort in diese Gegend verliebt, weil sie uns mit ihren Hügeln und dem vielen Grün an Südafrika erinnert hat.“

Jennifer Van der Merwe

„Wir haben wie in einem Gefängnis gelebt“, sagt Jennifer. Die offiziell abgeschaffte Apartheid habe sich umgekehrt und richte sich nun gegen Weiße. Wegen ständiger Raubüberfälle und Gewaltexzessen waren im Haus (wie auch bei anderen Bewohnern des Viertels) alle Fenster vergittert und aus Panzerglas, die Hunde waren auf Angriff trainiert, das Grundstück mit einem elektrischen Zaun gesichert, die Alarmanlage permanent scharf – es sei denn, es gab gerade Strom. Den – so ihre Erfahrung – gibt es in Südafrika inzwischen nur noch portionsweise, häufig für zwölf Stunden gar nicht. Keiner verlässt abends das Haus, als Frau alleine schon gar nicht. Oft habe das Paar im Auto an der Tankstelle übernachtet – dann, wenn es keinen Strom für die Klimaanlage gab – bei 52 Grad verständlich. „Außerdem war es sicherer, an der Tankstelle zu schlafen, als im eigenen Haus“, sagt Jarrod.

Das Heimweh nach der Heimat Südafrika bleibt

Trotzdem fühlen beide großes Heimweh. „Das tut immer noch weh“, sagt Jennifer. Jarrod telefoniert täglich mit der Familie und erkundigt sich, ob alles in Ordnung ist. „Das ist wie Leben in zwei Welten“, sagt er.

In Südafrika den gesamten Besitz verkauft

Jarrod hatte eine eigene Autowerkstatt in Victoria, Jennifer ist ausgebildete Buchhalterin. Vor zwei Jahren haben die beiden in Südafrika alles verkauft – ihr Haus, die gut gehende Werkstatt. Ihre Habseligkeiten umfassten danach ein Volumen von drei Kubikmetern. „Das waren vor allem meine Werkzeuge und der Betonelefant“, sagt Jarrod. Der Rest passte in vier Koffer. Beide sind in Südafrika aufgewachsen, Jennifer jedoch hat die deutsche Staatsbürgerschaft – ihre Mutter war in den 1980er-Jahren nach Südafrika ausgewandert, Jarrods Familie lebt schon seit Generationen dort, er ist Südafrikaner.

Sie sind mit ihren Koffern auf einem deutschen Flughafen angekommen, waren zunächst bei Freunden der Familie bei Hamburg untergekommen und sind dann in die Nähe von Aachen gezogen, wo beide gearbeitet haben. Er als Dachdecker, sie als Buchhalterin.

Sie sind verrückt nach Holz

Sie wollten aber ein eigenes Haus, wurden in Netra übers Internet fündig und erwarben das alte Fachwerkhaus. „Wir lieben das Holz“, sagt Jarrod begeistert und zeigt die alte Holztreppe, die sie in wochenlanger Handarbeit von sieben Schichten Lackfarbe aus mehreren Jahrhunderten befreit haben.

Und das ist erst der Anfang. Wenn das Haus fertig ist, will sich Jarrod wieder selbstständig machen und Jennifer eine Ausbildung als Erzieherin beginnen. „Wir haben es von Südafrika nach Deutschland geschafft, jetzt schaffen wir es auch in Netra.“ Sie fühlen sich wohl dort. „Jeder hat uns herzlich begrüßt und uns Hilfe und Unterstützung angeboten“, erzählt Jennifer. Aber auch wie klein die Welt sein kann, haben die beiden erfahren. Jüngst bei einem Fest in Creuzburg hörten sie aus der Menge Leute im typisch südafrikanischen Englisch sprechen und lernten eine Familie aus Südafrika kennen, die vor 14 Tagen ins thüringische Ifta gezogen war.

Ihr Tatendrang und Optimismus ist stark und erfrischend. „Wir haben jetzt schon zwei Jahre in Freiheit gelebt, nur die Tür nicht immer abzuschließen, müssen wir noch lernen. (Stefanie Salzmann)

Auch interessant

Kommentare