„Abgeschossen wie Hasen“

Kriegsende vor 70 Jahren: In Datterode fallen zwei wehrlose Soldaten im Kugelhagel

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Heute vor 70 Jahren, am 2. April, sind in Datterode zwei wehrlose Soldaten im Kugelhagel gefallen - kurz vor Kriegsende. Zeitzeugen erinnern sich.

Datterode. Das Rattern der Maschinengewehre versetzt die Einwohner Datterodes kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in Angst und Schrecken. Die Garben fetzen über das Dorf, fernes Motorengeräusch kündigt das Heranrollen amerikanischer Panzer an. „Die deutschen Soldaten, die sich bis dahin im Dorf aufhielten, verließen daraufhin die Deckung der Häuser“, geht aus den Aufzeichnungen des heute 89-jährigen Datteröders Karl Beck hervor. Zwei von ihnen werden auf der Flucht in den nahegelegenen Wald an der Einmündung Kulleich/Leipziger Straße tödlich getroffen - buchstäblich in der Luft, „abgeschossen wie die Hasen“, wie sich die Zeitzeugin Marie Sippel erinnert. Passiert ist die menschliche Katastrophe am 2. April, genau heute vor 70 Jahren.

Durch das Niederprasseln der Munition fliegt laut den zu Papier gebrachten Erinnerungen Becks aufgeschichtetes Brennholz durcheinander, und selbst der dicke Stamm einer Buche bietet den Flüchtenden keinen ausreichenden Schutz gegen die Kugeln. Einer der Soldaten schleppt sich schwer verletzt vor das Haus der Datteröderin Marie Sippel, kurz darauf erliegt er seinen Verletzungen - mit einem weißen Tuch in der Hand.

Eine Ursache für die Schüsse auf die wehrlosen Soldaten könne ein Vorfall bei Mitterode in der Nacht zuvor gewesen sein, wie Thomas Beck, Vorsitzender des Heimatvereins Datterode, zu berichten weiß. Dabei war ein auf Wache stehender US-Soldat aus dem Hinterhalt getötet und in seinem Schützenloch gefunden worden. „Laut mehrerer Quellen wurde daraufhin auf alle in die Berge und Wälder fliehenden deutschen Soldaten geschossen“, so Beck.

Warnungen ignoriert 

In den Wirren der Ostertage 1945 erreichte Datterode am 1. April ein illegaler Anruf vom Fernamt Eisenach, der beinahe als Aprilscherz aufgefasst wurde. Die Amerikaner seien bereits in Bad Hersfeld, hieß es. Und mit den Worten: „Ich erzähle keine Märchen, packt eure Sachen“ brach die Verbindung ab. Doch weil alles ruhig war, blieben die Datteröder in ihren Häusern. Inzwischen stießen die amerikanischen Panzer über die Autobahn bis zum Ortsrand von Netra vor - und das Unheil nahm seinen Lauf.

Vier Wochen nach dem Vorfall in Datterode ist der Krieg zwar zu Ende - doch die Leidenszeit für die Angehörigen beginnt. Trotz schwieriger Verkehrsverhältnisse nimmt der damalige Bürgermeister Jakob Holzberger drei Monate später die Eltern eines Gefallenen in Empfang.

Weil sie weder Fahrzeug noch Treibstoff organisieren können, droht die Überführung des Leichnams nach Mülheim/Ruhr (Nordrhein-Westfalen) zu platzen.

Abhilfe schafft der Datteröder Walter Grede: Er erklärt sich bereit, die Überführung mit Pferd und Wagen zu übernehmen. Ende Juli macht er sich, die ungewöhnliche Fracht unter einer Zeltplane verborgen und mit einem Stahlhelm gekennzeichnet, auf in Richtung Ruhrgebiet.

Drei Jahre später, im Juli 1948, nehmen die Eltern des gefallenen Soldaten noch einmal den Weg nach Datterode auf sich - um allen Bewohnern für ihre Hilfsbereitschaft und außergewöhnlichen Leistungen zu danken.

Von Emily Spanel   

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