Hausarzt aus Röhrda öffnet auch am Wochenende seine Praxis

Protest gegen Vereinheitlichung des Bereitschaftsdienstes

Röhrda. Eine 80-jährige Frau wählt die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) 01 80/5 01 12 40 und erhält anstelle medizinischer Hilfe die Aufforderung, eine SMS zu schreiben.

So geschehen laut Dr. Stephan Cortis aus Röhrda. Damit solche Fälle nicht wieder vorkommen, öffnet der Allgemeinmediziner seine Praxis ab heute jeden Samstag und alle drei Wochen auch am Sonntag.

„Was ich Montagmorgen oft für Gruselgeschichten vom Wochenende höre, ist erschreckend“, sagt er. Seitdem das Einsatzgebiet der Bereitschaftsärzte zum 1. Oktober dieses Jahres von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) mehr als verdoppelt wurde, habe es nur noch Probleme gegeben.

Stephan Cortis

„Wenn in Lüderbach ein Notfall ist, überlegen die Leute dreimal, ob sie auf den diensthabenden Hausarzt warten, der vielleicht aus Bebra anfahren muss, oder nicht lieber gleich den Notarzt rufen“, schildert Cortis Fälle aus seinem Patientenkreis. Manche seien nicht durchgekommen, andere - vor allem Ältere - würden gar nicht erst anrufen aus Angst, einem fremden Arzt vertrauen zu müssen.

Eine Erhöhung der Einsätze von Rettungswagen und Notärzten im Kreis kann Andreas Haberland bisher nicht bestätigen. Die Zahlen von Oktober 2011 und 2012 unterscheiden sich nur gering. Bis gestern Vormittag waren es im November bisher 45 Einsätze, meldet der Fachdienstleiter Rettungsdienst für den Werra-Meißner-Kreis. Auch das sei eine normale Zahl. Unter Beobachtung stünden die Einsatzzahlen dennoch. „Wird ein Notarzt durch einen Fall, in dem auch ein Hausarzt gereicht hätte, blockiert, fehlt er vielleicht an anderer Stelle“, sagt er. Ihm wäre lieb, jeder Notruf ginge in der Zentralen Leitstelle ein. „Dort kann entschieden werden, wer ausrückt“, sagt er. Zumal der Einsatz eines Notarztes teurer sei als der eines Hausarztes.

„Wir haben öfter Probleme mit der 01 80-Nummer“, gibt Petra Bendrich von der KVH in Frankfurt auf WR-Anfrage zu. Die Nummer verwalte ein Privatanbieter, der nicht immer zuverlässig arbeite. „Die Aufforderung, eine SMS zu schreiben, darf es nicht geben“, sagt die Pressesprecherin.

Diese Regelung gehe auf eine alte Absprache unter Ärzten zurück und existiere nur noch in Nordhessen. Im Rest des Landes gilt die bundesweite Notrufnummer 11 61 17. Über diese gelange der Anrufer laut Bendrich an medizinisches Personal in einem Callcenter, das den Anrufer an die passende Stelle weiterleite.

Dass Cortis seine Praxis nun regelmäßig am Wochenende öffnen will, unterstützt die KVH nicht. „Wir haben den ÄBD reformiert, weil wir ihn auf einheitlichere Füße stellen und auf mehr Schultern verteilen wollen“, sagt Bendrich. Gerade im ländlichen Bereich sei es oft schwierig, Nachfolger für frei werdende Praxen zu finden. Zu häufige Bereitschaftsdienste würden da nur noch mehr abschrecken. Für die Patienten aber, räumt sie ein, wäre es komfortabler.

Zum 1. April soll es in Eschwege eine weitere Reform geben: Dann soll auch hier die 11 61 17 gelten. Die ÄBD-Zentrale wird dann im Eschweger Klinikum sein. Zusätzlich soll es einen zentralen Hausbesuchsdienst geben.

Stephan Cortis will sich mit diesen Reformen nicht abfinden. Er hofft, mit seinem Freiwilligendienst am Wochenende ein Zeichen des Protests - auch bei seinen Kollegen - setzen zu können.

Von Stefanie Bettinger

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