1946 Vertriebene bekommt nach 72 Jahren verloren geglaubtes Familien-Eigentum

Mit den beiden Bildern: Brunhilde Reimuth hat sie nach der Restaurierung im Wohnzimmer aufgehängt – für den Fototermin aber kurz in die Hand genommen. Foto: Künemund

Wichmannshausen. „Für mich ist es ein Wunder, so was noch in meinem Alter erleben zu dürfen“, sagt Brunhilde Reimuth aus Wichmannshausen. Die 83-Jährige wurde 1946 mit Eltern und zwei Schwestern aus Tschechien vertrieben. Jetzt, 72 Jahre später, hält sie längst verloren geglaubtes Familien-Eigentum – darunter ein Hochzeitsfoto von Mutter und Vater – in ihren Händen.

Der neue Besitzer des Gebäudes hat es auf dem Dachboden gefunden und sie ausfindig gemacht.

Wie das möglich war? Der Eigentümer hatte über eine Anzeige in einem Gemeindebrief in Tschechien nach den Nachkommen der Familie, denen die Gegenstände gehören, gesucht. Die Cousine von Brunhilde Reimuth bezieht diesen und gab direkt Bescheid. Über mehrere Ecken hinweg ließ Reimuth dann den jetzigen Bewohner ihres Elternhauses informieren, wo sie lebt. Nach einem Jahr Wartezeit gingen ihr im Mai 2017 die Sachen zu: Bilder, Papiere und Kleinkram. Zunächst waren diese sehr verschmutzt. Das Foto von der Trauung hat aber zusammen mit einem anderen Werk nach entsprechender Restaurierung einen Ehrenplatz im Wohnzimmer der 83-Jährigen bekommen.

„Ich war berührt und begeistert. Das hatte ich einfach nicht erwartet“, erzählt Brunhilde Reimuth. Sie verweist auf die Tatsache, dass sie mit ihrer Familie damals vertrieben wurde, um den emotionalen Stellenwert der Gegenstände zu unterstreichen. „Wir wurden vom eigenen Hof gejagt. Das muss man sich vorstellen“, berichtet sie mit gehobenem Zeigefinger.

Damals, als Zwölfjährige, sei ihr das gar nicht so bewusst gewesen. „Ich dachte lange Zeit, wir sind im Urlaub und fahren irgendwann zurück nach Hause“, so Reimuth. Dem war aber nicht so. Zusammen mit ihren älteren Schwestern und den Eltern wurde sie nach Weißenhasel (Kreis Hersfeld-Rotenburg) ausgesiedelt. Nach der Schulzeit wollte sie eigentlich Verkäuferin werden, hätte dafür aber fortgehen müssen.

„Da hätte ich zu viel Heimweh gehabt. Ich habe mich dann so durchgewuselt“, erinnert sich Reimuth. Erst arbeitete sie in der Landwirtschaft, dann in einem Holzverarbeitungsbetrieb. 1961 hat sie dann ihren Mann geheiratet, der vor sechs Jahre verstorben ist. Nach ein paar Jahren in Weißenhasel zogen sie gemeinsam in seinen Geburtsort Wichmannshausen, bekamen dort drei Kinder und bauten 1970 ein eigenes Haus.

„Ich habe mir dann später mal vorgestellt, wie es wäre, aus unserem Zuhause vertrieben zu werden – das wäre fürchterlich. Meine Mutter ist daran kaputtgegangen und schon früh im Alter von 54 Jahren gestorben“, sagt Brunhilde Reimuth. Noch heute lebt sie im Erdgeschoss des Hauses. Im Obergeschoss lebt eine Tochter, im Untergeschoss ein Enkel.

Und an der Wand hängen jetzt ihre Eltern – als Bild. „Ich rechne es dem Tschechen hoch an, dass er mir die Sachen geschickt hat. Er hätte sie wegwerfen können. 1996 waren mein Mann und ich mal vor meinem Elternhaus und die damaligen Besitzer waren sehr unfreundlich – es gibt auch andere Menschen.“

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