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Arti (15) ist durch ein Trauma behindert – und sehr begabt

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Von: Stefanie Salzmann

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Passt in keine Schublade: Der 15-jährige Arti aus Krauthausen hat bei seiner Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten und ist geistig und emotional beeinträchtigt. Aber Arti ist auch charmant und begabt.
Passt in keine Schublade: Der 15-jährige Arti aus Krauthausen hat bei seiner Geburt unter Sauerstoffmangel gelitten und ist geistig und emotional beeinträchtigt. Aber Arti ist auch charmant und begabt. © STEFANIE SALZMANN

Das Gehirn von Arti (15) ist durch Sauerstoffmangel bei der Geburt schwer geschädigt. Über das Leben mit einem charmanten, begabten Kind, dem es an emotionaler Kontrolle fehlt.

Krauthausen – Bei seiner Geburt wurde das Gehirn des heute 15-jährigen Arti aus Krauthausen durch Sauerstoffmangel schwer geschädigt. Er ist charmant, witzig und mathematisch begabt - doch ihm fehlt es an emotionaler Kontrolle - einer Herausforderung für Artis Eltern und vor allem für ihn selbst.

Steht der Henkel der Kaffeetasse nicht im korrekten Winkel zur Tischkante, ist die Butter auf der welligen Seite des Knäckebrotes anstatt auf der mit den tiefen Löchern, rastet Arti aus. In rasende Verzweiflung und ein Meer an Enttäuschung stürzen seine Eltern den 15-Jährigen auch, wenn sie mit ihm erst zum Friseur gehen und dann einkaufen, obwohl die Reihenfolge vorher umgekehrt besprochen war. Nichts darf den festen Rahmen und die Haltepunkte in Artis Leben stören – dann wankt seine Lebenswelt und stürzt nicht selten ein. „Er braucht eine feste Struktur, die er auch verlangt. Wenn er die nicht bekommt, wird es schwierig“, sagt sein Vater.

Arti (15) aus Krauthausen: „Das ist eine Art kindlicher Narzissmus“

Deshalb ist Arti auch überkorrekt, wenn es um Daten, Zahlen, Fakten geht. Das hat keinen Einfluss auf seine blühende Fantasie und seinen Witz. Über seinen jüngeren Bruder behauptet er, dass der Oktopus heißt, seine Familie „mit Ausländern verwandt“ und außerdem „verflucht“ ist. Wenn Arti solche Sätze sagt, verzieht er keine Mine, vielleicht guckt er herausfordernd oder kichert in sich hinein, aus diebischer Freude über ein neues, gelungenes Absurdum.

Arti braucht Aufmerksamkeit, fast immerzu. „Das ist eine Art kindlicher Narzissmus“, sagt der Vater. „Andere Menschen nimmt Arti eher als Erweiterung seiner eigenen Persönlichkeit wahr.“

Das ist eine Art kindlicher Narzissmus“, sagt der Vater. „Andere Menschen nimmt Arti eher als Erweiterung seiner eigenen Persönlichkeit wahr.“

Mike Weihaar Artis Vater

Während seiner Geburt erleidet Arti einen schweren Sauerstoffmangel, in seine Lungen dringt Fruchtwasser ein. Seine Eltern – ein Physiker und eine Ärztin – wissen nicht, ob das Neugeborene die erste Nacht überlebt. Arti schafft es, behält aber einen Hirnschaden zurück. „Wir wussten vom ersten Tag an, dass wir Schwierigkeiten haben werden“, sagt sein Vater.

Sauerstoffmangel bei der Geburt: Arti (15) bis heute nicht „ausdiagnostiziert“

Bis heute ist der 15-jährige nicht „ausdiagnostiziert“, wie es im Ärztejargon heißt. Er hat einen Tremor, Epilepsie, Lesen geht schwer, Schreiben noch schwerer, dafür ist er mathematisch hochbegabt. „Ich versuche immer, eine Sechs zu bekommen, aber leider merke ich mir alles“, sagt Arti, der imstande ist, jedes Passwort zu knacken, und dem technisch kaum jemand etwas vormachen kann. Artis sprachliche und emotionale Fähigkeiten hingegen sind stark eingeschränkt. Seit seinem siebten Lebensjahr lebt Arti in einem Internat einer Förderschule für Kinder mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und Auffälligkeiten.

Arti schreibt Märchen, die sich zwar am klassischen Set entlanghangeln, aber statt der entführten Prinzessin hockt der alte Vater im Verlies und kann sich dank Tochter und einer von den Wächtern unbemerkt gebliebenen Axt aus seinem Gefängnis befreien. Seine Geschichten diktiert er in ein Schreibprogramm seines Handys und lässt seine gesprochenen Geschichten in geschriebene Wörter umwandeln. Kürzlich wurde seine Geschichte vom „Popelmann“ als Kinderbuch veröffentlicht.

Geheimnisvoll kündigt er ein weiteres Werk an. „Das wird eine Überraschung für die Welt werden“, sagt Arti bedeutungsschwanger. Seit Jahren schon habe er die Geschichte im Kopf – eine Enthüllungsgeschichte über seine Schule. Menschen, die Arti mag, benennt er als solche, die er ein „bisschen weniger nicht leiden kann“. Er liebt Pop-Musik aus den 1980er-Jahren, er hasst den Englisch-Unterricht und mag Montage ebenso wie alles aus der Feder von Tommy Krappweis – dem Autor, Komiker und Erfinder der Kika-Figur „Bernd das Brot“.

Schulen lehnen Arti (15) ab: „Zu anstrengend und zu intelligent“

Für seine Eltern und seine Familie ist Arti eine Herausforderung. Obwohl dem Paar früh klar war, dass Arti „anders“ sein würde. Er lernt später sprechen, in einer Kita verlangt eine überforderte Kitaleiterin von den Eltern ein Attest, dass Epilepsie nicht ansteckend ist. Nach der Kita will keine Schule Arti aufnehmen: nicht inklusionsfähig. „Er passte in keine Schublade“, sagt sein Vater. Unter anderem die Paul-Moor-Schule lehnte ab, weil Arti „zu anstrengend und zu intelligent“ war. Irgendwann stoßen die Eltern auf die Karl-Preising-Schule in Bad Arolsen, wo Arti die Woche über lebt und lernt.

Doch auch Wochenenden und Ferien sind eine Strapaze: „Wir hatten regelrecht Panik vor den Wochenenden, und haben versucht, uns in der Woche zu erholen, damit wir das durchstehen“, erzählt sein Vater über die ersten Jahre. „Aber wir haben Arti nie das Gefühl gegeben, dass er nicht dazugehört.“ Inzwischen will Arti am Wochenende wie alle Teenager eher seine Ruhe haben.

Arti (15) aus Krauthausen: Kinder mit Hirnschädigungen können Regeln schlechter verinnerlichen

Doch auch Anfeindungen von außen muss die Familie schlucken. Auf einer Busreise wird Arti langweilig und er beginnt Blödsinn zu machen. Da sagt eine andere Mutter zu Artis Vater: „Ihr Sohn ist nicht behindert, sondern schlecht erzogen.“ Artis Vater weiß es besser und ist sicher: „Arti wird einmal ein selbstbestimmtes Leben führen können.“

Die häufigste Ursache für frühkindliche Hirnschädigungen ist ein Sauerstoffmangel vor oder während der Geburt. In dessen Folge fallen die Nervenzellen in allen Teilen des Gehirns aus. In der frühkindlichen Entwicklung bis zum dritten Lebensjahr sind oftmals außer einer verzögerten Sprachentwicklung keine Symptome zu beobachten. Im Kindergartenalter treten meistens erhebliche Verhaltensauffälligkeiten auf. Anders als gleichaltrige können Kinder mit frühkindlichen Hirnschädigungen Regeln und Werte schlechter verinnerlichen. Die Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten, da sie mit den sozialen und intellektuellen Anforderungen des Kindergartens überfordert sind. Im Schulalter steigern sich die Verhaltensauffälligkeiten, sodass der Besuch einer Regelgrundschule häufig ausscheidet. (Stefanie Salzmann)

Ein Mann aus Kassel meistert sein Leben nach Hirnschäden bei der Geburt mit einer speziellen Therapie.

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