Fehlender Nachwuchs

Gekämpft bis zum Ende - Chorvereinigung 1856 Sontra löst sich zum Jahresende auf

Auftritt im Jahr 2018: Die Chorvereinigung 1856 Sontra gehörte zu einer der ältesten im gesamten Werra-Meißner-Kreis.
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Auftritt im Jahr 2018: Die Chorvereinigung 1856 Sontra gehörte zu einer der ältesten im gesamten Werra-Meißner-Kreis.

Die Mitteilung kommt nicht aus dem Nichts. Vielmehr hat sie sich in den vergangenen Jahren schon angedeutet. Der Männerchor „Chorvereinigung 1856 Sontra“ ist Geschichte.

Sontra - Mit großem Bedauern wurde kürzlich in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die Auflösung des Vereins zum 31. Dezember 2020 beschlossen.

Schon seit Jahren zeichnete sich eine kontinuierliche Abnahme der Zahl der aktiven Mitglieder ab. Die Chorproben wurden unregelmäßiger besucht, Sänger haben sich aus Alters- oder Gesundheitsgründen als Aktive vom Chor abgemeldet oder neu orientiert. Anfangs versuchte der Verein, die Singfähigkeit und den Chorklang zu erhalten, indem man vom vier- auf den dreistimmigen Gesang umstellte.

Chorleiter Harald Roß hat viele Chorsätze aus dem Repertoire auf Dreistimmigkeit umgeschrieben und neu arrangiert. „Wir wollten den Traditionschor, der immerhin 164 Jahre zum Erscheinungsbild der Stadt Sontra gehörte, mit aller Macht erhalten“, erklärte der Vorsitzende Heinz Schmauch (72) noch vor zwei Jahren.

Die aktiven Sänger fehlten

Tatenlos war der Chor nicht – viele unterschiedliche Versuche wurden gestartet: Flyer wurden an alle Sontraer Haushalte verteilt, am Breitwiesn-Umzug wurde teilgenommen. Viele potenzielle Sänger wurden persönlich angesprochen. Auch der Versuch, über den „Projektchor Sontraer Land“, geleitet von Michael Rimbach, neue Sänger für den Chorgesang zu begeistern, brachte nicht den erhofften Erfolg. Ende 2019 musste der Chorbetrieb schon mangels aktiver Sänger eingestellt werden.

Ein Vorbote der jetzigen Auflösung, die durch die Coronapandemie noch mal beschleunigt wurde: „Bestimmt gibt es in der Sontraer Bevölkerung Unverständnis über die Auflösung des Vereins. Jedoch hatten alle, die dies äußern, die Gelegenheit und wurden aufgefordert, als aktive Sänger dabei zu sein, um den Verein am Leben zu erhalten.“

„Trauriges Kapitel, dass wir diese Kultur verlieren“

Arno Küch (68) ist seit 1975 Notenwart und hat im Vorstand schon Verantwortung übernommen. „Das ist ein trauriges Kapitel, dass wir diese Kultur verlieren“, wird Küch deutlich, der die Gründe für den Abwärtstrend kennt. Dabei spart er nicht mit Eigenkritik: „Wir Sänger haben es nicht geschafft, uns zu erneuern, wir haben es nicht geschafft, unseren Kindern und Enkelkindern das Liedgut zu übermitteln.“

Klaus Gebhardt (74) ist seit über 50 Jahren Chorsänger. Nach seinem Umzug von Breitau nach Sontra wurde er sofort Mitglied des Chors und ist seit dem ersten April 1978 Kassierer des Vereins. Bis heute – ohne Unterbrechung. „Die Konzerte und Karnevalsveranstaltungen bleiben für mich ewig in Erinnerung. Aber auch gemeinsame Fahrten nach Nierstein am Rhein, in den Harz oder nach Würzburg sowie die Auftritte im Dom in Erfurt gaben uns Auftrieb“, sagt Gebhardt, der von einem lebhaften und abwechslungsreichen Chor spricht.

„Das tut uns sehr leid“

Wenige haben den Verein so geprägt wie Erwin Mainka. Der 81-Jährige war 25 Jahre Schriftführer, 24 Jahre Pressewart und 27 Jahre Notenwart. „Es sind wirkliche Freundschaften entstanden. Auch die Sängerfreundschaften mit Burhave und Viernau haben unseren Verein bereichert. Seit Jahrzehnten sind wir eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagte Mainka, um zu betonen: „Dass jetzt alles einfach so vorbei ist, tut uns sehr leid.“ (Marvin Heinz)

Chronik

1856: Kantor Albrecht Brede, der auch Schöpfer des offiziellen Hessenliedes ist, hat den Männergesangverein Sontra mit 22 Sängern gegründet.

1868: Albrecht Brede wird als „Königlicher Musikdirektor“ nach Kassel berufen. Kantor Gonnermann übernimmt die Leitung, die er 24 Jahre innehat.

1904: Kantor Heinrich Dittmar gründete den Sontraer Sängerbund mit Chören aus unserem Kreisgebiet. Unter Leitung des Lehrers Karl Müller wird 1920 der Arbeitergesangverein ins Leben gerufen. Lehrer Müller ist Verfasser des Sontraliedes. Während der Weltkriege ruht die Vereinstätigkeit und man muss Opfer unter den Mitgliedern beklagen.

1945: Unter Lehrer Paul Lokotsch werden die Chorproben wieder aufgenommen und bis zum 100-jährigen Jubiläum im Jahre 1956 machen sich Chorleiter wie Adalbert Bautisch und Erich Böttcher um die Chorarbeit verdient. Es entstehen Sängerfreundschaften mit dem thüringischen Männerchor aus Viernau und dem norddeutschen Männer- und Shanty-Chor aus Burhave.

1966: Eine Karnevalssparte wird gegründet, die 23 Jahre für Frohsinn sorgte. Kassierer Gebhardt: „Roß ist nicht ohne Grund Ehrenchorleiter der Chorvereinigung 1856 Sontra und des Sängerkreises Alheimer. Er war ein Vollblutchorleiter und hat sich um den Verein und den Chorgesang in besonderem Maße verdient gemacht.“

2003: Heinrich Roß übergibt den Taktstock an die Chorleiterin Stefanie Lindenau. Zum 150-jährigen Jubiläum im Jahre 2006 zählt der Chor 45 aktive Sänger. Seit November 2010 hat Harald Roß die Leitung inne. Im Jubiläumsjahr 2016 zählt der Chor 28 Aktive, aber die einzelnen Stimmen sind nicht mehr ausgeglichen verteilt.

2020: Die Aufgabe der Abwicklung bleibt dem Vorstand auferlegt. Der Kassierer Klaus Gebhardt teilt mit, dass der Kassenbestand laut Satzung und Abstimmung mit dem Finanzamt an die Kindergärten der Kernstadt Sontra gespendet wird.

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