Gisela Stiebitz: Eine stille Heldin feiert ihren 100. Geburtstag

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Feierte gestern 100. Geburtstag: Gisela Stiebitz aus Sontra.  

Sontra. Die ehemalige Sontraer Lehrerin Gisela Stiebitz feierte am 1. August ihren 100. Geburtstag. Sie blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Gisela Stiebitz aus Sontra spricht nicht mehr viel. Wenn überhaupt, dann nur mit ihren beiden Pflegern. Dabei hätte sie so viel zu erzählen aus ihrem 100-jährigen Leben. Zum Beispiel, wie sie mehreren Kindern im Zweiten Weltkrieg das Leben rettete oder im Luftschutzbunker für das Lehramtsstudium paukte. Gestern feierte sie im Hotel Link in Sontra mit Freunden, Verwandten und Bekannten ihren runden Geburtstag. Dabei wurden diese und weitere Anekdoten über sie erzählt.

Ihre Pfleger, Günther und Ellen Ebersold, erklärten gleich zu Beginn, dass Gisela Stiebitz eigentlich nur noch mit ihnen beiden spricht. „Sie ist nicht dement, vielleicht ganz leicht – hat aber Angst, Menschen, die sie nicht täglich um sich hat, etwas Verkehrtes zu erzählen. Deswegen sagt sie lieber nichts“, erklärt das Pärchen, das 1990 als Mieter bei der Jubilarin ins Haus einzog und vor einigen Jahren ihre Pflege übernahm.

„Bis vor zehn Jahren hatte sie aber einen ganz anderen Charakter: impulsiv, agil und an allem interessiert“, erinnert sich Nichte Vera Berger, die nächste Verwandte des Geburtstagskindes. Denn: Einen Ehemann und Kinder hatte Gisela Stiebitz nie. Ihr Verlobter war im Zweiten Weltkrieg gefallen, danach habe sie laut eigener Aussage nie wieder eine Beziehung gehabt.

Und nicht nur Stiebitz’ Mann war mittendrin im Zweiten Weltkrieg, auch sie selbst. Erlebte sie den Ersten 1918 nur noch als Neugeborenes für ein paar Monate, paukte sie im hoffentlich letzten zu Anfang im Luftschutzbunker in ihrer Heimatstadt Berlin für das Lehramtsstudium und war sogar mal verschüttet. Sport, Biologie und Erdkunde wollte sie unterrichten. Das klappte.

Gegen Ende des Krieges aber lehrte sie zuerst in einer sogenannten nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Innsbruck, wie Pfleger und Nichte erzählen. Als die feindlichen Truppen einfielen, flüchtete sie ganz allein mit den Kindern aus ihrer Klasse über die Alpen, um sie schlussendlich in Sicherheit wieder nach und nach bei ihren Eltern abzusetzen. „Heldenhaft“, nennt es Pfleger Günther Ebersold.

In den 1950ern nach Sontra

Nach einer Anstellung als Biologin in einer Firma in Frankfurt – bis dato hatte sie keine Stelle als Lehrerin bekommen – verschlug es sie Anfang der 1950er-Jahre nach Sontra, wo sie es bis zur Oberstudienrätin an der Adam-von-Trott-Schule brachte. Mitte der 60er-Jahre baute sie zusammen mit einer Kollegin ein Haus, nach dem Tod der Freundin kaufte sie das ganze Gebäude und nahm die Ebersolds als Mieter auf.

In ihrer Freizeit reiste Gisela Stiebitz gern – auch in die Ferne, zum Beispiel nach China. Oder betrieb biologischen Gartenbau. „Sie legte viel Wert auf gesunde Ernährung. Wenn meine Kinder ein Brötchen aßen, bezeichnete sie das direkt als Gift“, sagt Nichte Vera Berger. Der gesunde Lebensstil hat sich gelohnt. Gisela Stiebitz ist 100 Jahre alt und sie hat keine schweren Erkrankungen. Vor 20 Jahren habe sie schon auf Gaststätten gezeigt und gesagt: „Hier feiere ich meinen 100. Geburtstag.“ Weise Voraussicht.

Nach anfänglicher Anspannung und doch leichter Ungläubigkeit, ein dreistelliges Lebensalter erreicht zu haben, genoss sie die Feier. Still.

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