„Wie die Titanic untergehen“

Nach 124 Jahren verstummt der Wichmannshäuser Gesangverein

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Gute Jahre: Die zahlreichen Sänger des Wichmannshäuser Gesangvereins in den 1950er-Jahren.

Der letzte Auftritt des Wichmannshäuser Gesangvereins fand am 15. Dezember in der Martinskirche von Wichmannshausen im Rahmen eines Adventskonzerts statt.

„Wir wollen nicht sang- und klanglos einfach verschwinden“, mit diesen Worten begann ein ganz besonderes Abschiedskonzert: Voller Wehmut sang der Chor alte und neue Lieder zur Advents- und Weihnachtszeit und zahlreiche Zuhörer lauschten den Sängern ein letztes Mal in der Kirche. Das Adventskonzert im Gottesdienst hat lange Tradition, deshalb wollten die Mitglieder dieses Konzert in diesem Jahr noch geben. Der Chor zeigte noch einmal sein komplettes Können und verbreitete unter den Besuchern damit eine vorweihnachtliche Stimmung. „Es tut mir im Herzen weh“, sagt Dieter Schellhase, Mitglied des Gesangvereins. Denn auch, wenn sich das Ende des Vereins abgezeichnet hätte, das endgültige Aus sei trotzdem nicht leicht zu verdauen.

Der Verein wurde 1895 gegründet und war zunächst ein reiner Männerchor. 1924 bekamen auch die Frauen Lust am Singen und es entstand neben dem Männerchor ein zweiter gemischter Chor. Zwei Weltkriege hinterließen ihre Spuren unter den Mitgliedern, aber letztlich überstanden die Chöre auch diese schwierigen Zeiten, die beide enger zusammenschweißte. So sehr, dass sie sich 1970 offiziell zu einem gemischten Chor zusammentaten. Letztlich waren es dann sogar mehr Frauen als Männer, die in dem Chor aktiv waren.

Dirigent und Chorleiter Karl Pfetzing

„1971 begann Karl Pfetzing seine Ära als Dirigent und Chorleiter. Bis zum letzten Konzert stimmte er uns Sänger an“, staunt Dieter Schellhase. Zum 100. Jubiläum 1995 habe sich Karl Pfetzing besonders Mühe gegeben den Chor darauf vorzubereiten. „Dann erkrankte er an Leukämie und konnte beim Auftritt leider nicht dabei sein“, erzählt Schellhase. Nach einer Erholungspause und guter Genesung nahm er ein Jahr später wieder sein Amt auf.

Über 250 Lieder umfasst das Repertoire des Chors. Lieder von Schumann, Mozart, Bach oder Beethoven gehörten ebenso dazu, wie Songs aus Musicals, Gospels und Spirituals. Stimmung machten sie zusätzlich mit Volks- und Schlagerliedern.

„Der Verein definierte sich aber vor allem auch durch die Geselligkeit und war aus dem Dorfleben von Wichmannshausen und benachbarten Dörfern nicht wegzudenken.“ Es wurden viele Sängerfeste gefeiert, der Verein war immer bereit, seinen Mitgliedern zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Jubiläen Ständchen zu singen; an dieser Tradition wurde auch bis zum Schluss festgehalten.

Gemütlichkeit zum Abschluss

„All dies wird es nun nicht mehr geben“, bedauert Erwin Walter. Auch das Kränzewickeln am Johannisfest, Karnevalsveranstaltungen, Kirmessen, Veranstaltungen in Altersheimen oder Beerdigungen hat der Chor musikalisch begleitet. Zum gemeinsamen Üben kamen die Sänger jeden Mittwoch um 20 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus zusammen. „Danach wurde selbstverständlich noch gemütlich zusammengesessen, geplaudert und Bierchen getrunken“, sagt Dieter Schellhase.

Zuletzt waren lediglich 17 Sänger übrig, wovon 10 über 80 Jahre sind. Aber vor allem „die Männer gehen ab“, betont Schellhase. Einige Todes- und Krankheitsfälle und das überhöhte Alter der überbliebenen Sänger sorgte am Ende für das Aus des Vereins.

Für die Mitglieder geht so teils eine jahrzehntelange Mitgliedschaft zu Ende. Die Festrede vor vier Jahren, anlässlich des 120. Jubiläums, beendete Britta Sennhenn ahnend mit den Worten: „Und sollten wir mal untergehn, dann wie die Titanic, tragisch und schön“.

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