Prozess: Eskalation war absehbar - Polizei wegen Konfliktpotenzial zahlreich vor Ort

Ein besonderer Prozess: Immer wenn der versuchte Mord von Sontra verhandelt wird, stehen schon vor dem Gerichtsgebäude mehrere Polizeiautos. ARCHIVFoto: Andreas Fischer

Sontra/Kassel. Schon seit dem Prozessauftakt im November brodelte es im Saal D 130 des Landgerichts Kassel, wenn es um den versuchten Mord in Sontra ging. Nicht umsonst waren immer geschätzt 30 Polizisten im Gebäude. Am Donnerstag eskalierte die Situation: Mitglieder der Familien von Opfer und Täter gingen aufeinander los, schrien sich an, schlugen und traten nacheinander. Die Beamten mussten eingreifen, einer von ihnen wurde angegriffen und am Handgelenk verletzt.

Wir sprachen mit Matthias Mänz, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen in Kassel, über die Situation. Zum Hintergrund: Auf der Anklagebank sitzt ein 50 Jahre alter Deutsch-Türke aus Göttingen, der dem 24-jährigen kurdischen Verlobten seiner Tochter aus Sontra in dessen Heimatstadt mit zwei Pistolen in Kopf und Rumpf schoss und ihn lebensbedrohlich verletzte. Unstimmigkeiten wegen der Hochzeit führten zu einer Familienfehde, die in dieser Bluttat endete.

Das besondere Konfliktpotenzial ist natürlich auch der Polizei nicht entgangen. Denn nicht bei jedem Prozess sind so viele Beamte da. Die genaue Zahl nennt Pressesprecher Matthias Mänz aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Er sagt aber: „Wir haben vorher die Gefährdungslage analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass der Polizeieinsatz vor Ort notwendig ist.“ Alle Eventualitäten seien dabei betrachtet worden – wie Mitglieder der beiden Familien sowie ihnen freundschaftlich verbundene Personen einzuschätzen oder ob diese schon mal strafrechtlich in Erscheinung getreten sind. Dazu käme, dass das Opfer einer Organisation angehöre, die dem Salafismus nahestehe und deswegen vom Verfassungsschutz beobachtet werde, wenngleich dies für den hier vorliegenden versuchten Mord wohl irrelevant sei.

Die Rivalitäten der Familien waren also bekannt. Und spätestens seit der Tat auch, dass diese eskalieren können. Zu den genaueren Details, wieso einzelne Familienangehörige der beiden Lager, die den Gerichtssaal bislang bei allen Sitzungen bis auf den letzten Platz füllten, als gefährlich eingestuft wurden, schweigt Mänz ebenfalls.

Doch angesichts der Vorfälle am Donnerstag hat sich das für einen Gerichtsprozess recht große Polizeiaufgebot als richtig erwiesen. Das gesteht auch Mänz. Selbst wenn es die erste tätliche Auseinandersetzung mit Tritten und Schlägen in einer Prozesspause im und vorm Saal war, wurden durch unsere Reporter schon vorher viele hitzige Wortgefechte im Zuschauerraum mit angehört.

Als Folge der Ausschreitung nahm die Polizei laut Mänz sogar einen 29-jährigen Kasseler vorübergehend fest, weil der Widerstand gegen Beamte leistete und einen von ihnen mit einem Tritt am Handgelenk verletzte. Gegen den wird ermittelt.

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