Prozess wird neu aufgerollt

Versuchter Mord? Mann schießt mehrfach auf Schwiegersohn in spe

Auf diesem Parkplatz in Sontra fielen die Schüsse.
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Auf diesem Parkplatz in Sontra fielen 2018 die Schüsse.

Wegen versuchten Mordes in Sontra verurteilt das Landgericht einen Göttinger 2019 zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren. Nun wird der Mordprozess neu aufgerollt. 

Kassel – Wegen versuchten Mordes aus niederen Beweggründen hatte das Kasseler Landgericht einen heute 56-jährigen Göttinger im Februar 2019 zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren verurteilt. Nun wird die Beweisaufnahme neu aufgerollt. Der Deutsche mit türkischen Wurzeln hatte am 11. 10.2018 in Sontra acht Schüsse auf den Verlobten seiner Tochter abgegeben, weil er mit deren Beziehung zu dem jungen Kurden nicht einverstanden war.

Gegen dieses Urteil hatte der Angeklagte, der im Kasseler Gefängnis in Untersuchungshaft sitzt, erfolgreich Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil auf und verwies den Fall zurück ans Landgericht, wo am Montag (12.10.2020) die Verhandlung vor der 10. Strafkammer begonnen hat.

Richter im Revisionsprozess: „Alles steht auf null, nichts steht fest“

„Alles steht auf null, nichts steht fest“, sagte Vorsitzender Richter Robert Winter gestern zum Auftakt der neuen Verhandlung. In den kommenden neun Prozesstagen werde die komplette Beweisaufnahme neu aufgerollt. Nach Ansicht des BGH hat sich die 6. Strafkammer in ihrem Urteil nur unzureichend mit der Frage des „strafbefreienden Rücktritts vom Tötungsversuch“ auseinandergesetzt. Die Begründung zur Ablehnung dieses Tatbestandes sei lückenhaft gewesen.

Die 6. Strafkammer hatte in ihrem Urteil argumentiert, das Magazin der Browing 7,65 mm sei leer gewesen. Der Angeklagte habe also gar nicht mehr die Wahl gehabt, seinen Tötungsvorsatz aufzugeben oder weiter zu schießen. Deshalb gebe es auch keinen Rücktritt vom Tatplan. Der junge Kurde hatte – von zwei Bauchschüssen aus der halbautomatischen Pistole schwer verletzt – auf der Sontraer Schlossstraße die Flucht angetreten. Der Angeklagte hatte ihn verfolgt und aus einer Luftpistole weitere Schüsse abgegeben. Dabei habe er gerufen: „Bleib stehen. Ich bin noch nicht fertig mit dir.“

26-jähriger Kurde machte von Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch

Das Gericht habe aber unterstellt, er habe geglaubt, den anderen wie beabsichtigt bereits tödlich verletzt zu haben. Dies sei ein unaufgeklärter Widerspruch. Auch habe die Kammer die Aussage zweier Zeugen, die zu mehreren Schussserien ausgesagt hatten, nicht differenziert genug geprüft, rügte der BGH. Gestern sollte der heute 26-jährige Kurde aussagen. Der hat allerdings am 6. Dezember 2019 die Tochter des Angeklagten geheiratet und hatte daher ein Zeugnisverweigerungsrecht, von dem er auch Gebrauch machte und nicht zum Prozess kam.

Prozess diesmal ohne Polizeiaufgebot

Während der ersten über vier Monate andauernden Verhandlung war der Mordprozess ständig von einem schweren Polizeiaufgebot begleitet worden. Der Grund: Es gab Befürchtungen, dass es zu Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Besuchern kommen könnte, deren Mitglieder im Heimatland Türkei verfeindet sind. Zum Revisionsverfahren gestern fehlte diese Polizeipräsenz. Allerdings war diesmal auch nur ein einziger Zuhörer gekommen.

Harmloser Schneider griff in Sontra zur Schusswaffe

Auf der Anklagebank sitzt ein schmaler Mann mit gemütlichem Bäuchlein und weichen Gesichtszügen. Ein Mann, der in der Uni-Stadt Göttingen eine türkische Änderungsschneiderei betreibt - und der jetzt wegen Mordversuchs seit zwei Jahren in der JVA Kassel in Untersuchungshaft sitzt.

Die Schüsse auf den heute 26-jährigen Ehemann der Tochter des Angeklagten im Februar 2018 in Sontra habe keinen islamistischen Hintergrund, hatte im ersten Prozess der Staatsanwalt in seinem Plädoyer festgestellt.

Vielleicht bildete aber doch der ethnische Konflikt zwischen Türken und Kurden in der Türkei den Hintergrund der Tat, denn der 56-jährige Deutsche ist in der Türkei geboren, der damalige Verlobte seiner Tochter ist Kurde. Im ersten Prozess hatte sich der Angeklagte nicht zu seinen Motiven geäußert. Und auch gestern kündigte Verteidiger Dr. Sven Schoeller an, sein Mandant werde schweigen.

Angeklagter im Mordprozess war nicht einverstanden mit der Verbindung seiner Tochter

Fest steht, dass er nicht mit der Verbindung einer seiner vier Töchter zu dem Kurden einverstanden war. Ebenso wie für die damals erst 17-Jährige hatte der Schneider, der seit vielen Jahrzehnten in Deutschland lebt, für seine Kinder ganz andere, westlich geprägte Vorstellungen über deren künftiges Leben in Deutschland. Die passten nicht zu den eher traditionellen Lebensformen der kurdischen Großfamilie aus Sontra.

Zahlreiche Vermittlungsversuche zwischen den Familien der beiden jungen Leute waren gescheitert. Als die Hochzeit für den März 2018 geplant war, schritt der Angeklagte zur Tat. Er besorgte sich eine halbautomatische Pistole und eine Luftdruckwaffe, machte Schießübungen in einem Göttinger Schützenverein und fuhr am Abend des 11. Februar 2018 nach Sontra.

Dort bat er den Kurden zu einem klärenden Gespräch auf die Straße und schoss dort acht Mal auf ihn. Der Mann überlebte nur nach einer Notoperation. Die neue Verhandlung wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt. (Von Thomas Stier)

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