Betriebe des Werra-Meißner-Kreises

Spanier beginnen Ausbildung: Sauerteig heißt levadura

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In der Backstube: Maritza Veronica Pilamunga Alvarado will Bäckerin werden. Ausbilder Daniel Dilchert erklärt der Spanierin, wie der Kuchen für den Verkauf vorbereitet wird.

Wichmannshausen. Sie ist mit der ganzen Familie aus Spanien nach Deutschland gekommen, um hier eine Lehre zu machen und Arbeit zu finden: Maritza Veronica Pilamunga Alvarado ist eine von 19 Männern und Frauen aus Spanien, die in diesen Tagen ihre Lehre im Werra-Meißner-Kreis beginnen. Für Pilamunga Alvarado lernt Bäckermeister Daniel Dilchert nun Spanisch. Ein Besuch in Wichmannshausen.

Maritza Veronica Pilamunga Alvarado belegt den Kuchen mit einer Deckschicht bevor die süße Leckerei in der Verkaufstheke der Bäckerei Dilchert in Wichmannshausen angerichtet wird. Es ist später Vormittag, und der Arbeitstag der 31-jährigen Spanierin geht zu Ende. In der Bäckerei wird früh begonnen: um 2.30 Uhr in der Nacht.

Maritza Veronica Pilamunga Alvarado gehört zu den neunzehn Spaniern, die in einem Gemeinschaftsprojekt von Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer sowie der Kreishandwerkerschaft in Betrieben im Werra-Meißner-Kreis ausgebildet werden -überwiegend in Berufen, für die es hier keine geeigneten Bewerber gibt.

Die Spanierin will Bäckerin werden. Sie ist mit ihrer ganzen Familie nach Deutschland gekommen. Ehemann Juan Bernardo Flores Yaguarshugo (34), der ebenfalls über das Projekt eine Beschäftigung gefunden hat, wird im Sanitär- und Heizungsbauunternehmen Reinhardt in Röhrda zum Anlagentechniker ausgebildet, die beiden Söhne Carlos (15) und Alexander (13) werden nach den Sommerferien die Adam-von-Trott-Schule in Sontra besuchen.

Auf dem Dach: Juan Bernardo Flores Yaguarshugo (rechts) montiert gemeinsam mit seinem Chef Udo Reinhardt eine Solarzelle. Der 34-Jährige will Anlagenbauer werden.

Die Entscheidung zum Umzug nach Deutschland ist der Familie leicht gefallen. Die fehlende Perspektive auf dem Arbeitsmarkt in Spanien hat war ein Grund, die Flucht aus der Großstadt ein weiterer. „Und wir haben an die Zukunft unserer Söhne gedacht“, sagt Pilamunga Alvarado. Sie reisen der Arbeit bereits zum zweiten Mal hinterher. Vor vierzehn Jahren emigrierte das Ehepaar aus dem südamerikanischen Ecuador nach Spanien, wo die Familie im Raum Madrid lebte. Der 34-Jährige verdiente den Lebensunterhalt für die Familie zuletzt als Lkw-Fahrer in der Bauwirtschaft. Seine Ehefrau war ohne Arbeit. Dabei haben die beiden eine Schulausbildung, die dem deutschen Abitur gleichgesetzt ist.

In Deutschland müssen Eltern und Kinder neben Ausbildung und Schule vor allem die neue Sprache lernen. „Deutsch ist nicht einfach, vor allem wegen der schwierigen Grammatik, die ist sehr anders“, sagt Flores Yaguarshugo. „Das wird seine Zeit dauern“, weiß Dr. Miguel Merino.

Der Unternehmensberater kümmert sich um die Auszubildenden, ist die Schnittstelle zwischen Betrieben und Behörden und übersetzt, wenn die Verständigung mit Händen und Füßen nicht ausreicht oder der Sprachcomputer mal wieder an die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten stößt. „Wenn ich Sauerteig eintippe, übersetzt das Gerät levadura, wenn ich Hefe eintippe wird auch levadura angezeigt“, erzählt Bäckermeister Rolf Dilchert, „wie soll ich da den Unterschied erklären?“

Ob die großen und kleinen Probleme gelöst, die zahllosen Anlaufschwierigkeiten bewältigt werden, die Integration gelingt, hängt nach Ansicht Dr. Merinos ganz wesentlich von den Ausbildungsbetrieben ab. „Ohne die Hilfe und Mitarbeit der Firmen würde das Projekt nicht funktionieren“, sagt Brigitte Baumeister von der Arbeitsagentur.

Familie Dilchert ist mit viel Herzblut und persönlichem Engagement bei der Sache. Sohn Daniel, ebenfalls Bäckermeister und für die Ausbildung verantwortlich, lernt nebenbei Spanisch, Rolf Dilchert hat die beiden Söhne gleich im Fußballverein angemeldet. Der große FC Bayern hat vorgemacht, wie Sportler aus Spanien in den Spielbetrieb integriert werden und das Team verstärken. Unternehmerin Martina Dilchert hat der Familie eine Wohnung gegenüber der Bäckerei besorgt, mit Freunden und der Arbeiterwohlfahrt für die Möblierung gesorgt.

Jetzt verhandelt sie mit Dr. Merino und der Arbeitsagentur über die Finanzierung einer Klassenfahrt, an der Alexander gleich zu Beginn des neuen Schuljahres unbedingt teilnehmen soll. „Wegen der besseren Integration“, wie sie sagt. Die neuen Klassenkameraden haben die beiden Jungs schon vor den Sommerferien kennengelernt. Drei Wochen haben sie die neue Schule bereits besucht und dabei erste Freundschaften geschlossen.

„Das war wichtig“, findet Martina Dilchert. Und wie sieht die Zukunft aus? Wird die Familie nach der Ausbildung zurück nach Spanien gehen? Für Martina Dilchert steht bereits fest, dass das nicht infrage kommt: „Wir machen das hier so schön, dass sie nicht wieder zurück wollen.“

Von Harald Sagawe

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