Der Künstler Gunter Demnig verlegt in Sontra erstmals Stolpersteine, die an eine jüdische Familie erinnern

Sontra mahnt mit Stolpersteinen

Sontra. „Wer den Namen des Opfers lesen will, muss sich herunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm.“ Diesen Satz sagte der Berliner Künstler Gunter Demnig vor Jahren mal in einem Interview und brachte so auf den Punkt, wofür sein Langzeitprojekt „Stolpersteine“ steht. In Sontra verlegte Demnig am Mittwoch erstmals sieben der kleinen Mahnmale. Sie erinnern an die jüdische Familie Plaut, die in den 30er-Jahren im Haus Niederstadt 32 gelebt hat.

Aus dieser Zeit kennt auch Marga Griesbach das Gebäude. Denn hier war die Nichte der vertriebenen Gerda Plaut in den Schulferien häufig zu Gast. Die heute 87-Jährige lebt schon lange in Washington, nahm anlässlich der Stolpersteinverlegung aber die weite Reise auf sich und besuchte die Hänselstadt. Nach der Verlegung wandte sie sich an die knapp hundert Zuschauer – darunter viele Schüler der Adam-von-Trott-Schule – und erzählte von ihren Erinnerungen und Geschichten, die sie teilweise nur aus Erzählungen ihrer Mutter kannte. Im Gespräch mit Schülern sagte die gebürtige Witzenhäuserin später: „Schon 1931 gab es in Sontra viel Judenfeindlichkeit, das weiß ich noch, obwohl ich damals ein Kleinkind war.“ Anlässlich des Pessachfestes seien beispielsweise Kinder zum Haus der Familie gekommen und hätten Schmählieder gesungen. Zuvor hatte Griesbach es sich nicht nehmen lassen, einen Rundgang durch das Haus an der Niederstadt zu machen, vor dem jetzt sieben Stolpersteine an ihre Vorfahren erinnern.

Erste Stolpersteine in Sontra verlegt.

Auch Gunter Demnig nahm sich Zeit für Gespräche mit den Schülern im kleinen Konferenzzimmer der Adam-von-Trott-Schule. Er berichtete, wie ihm die Idee zu dem Projekt kam, dass ihm so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft hat. Mitte der 90er-Jahre hatte er mit viel Aufwand die Erlaubnis bekommen, Kreidespuren von den Wohnungen Deportierter zum Bahnhof Köln-Deutz zu verlegen. Demnig nahm statt Kreide Fassadenfarbe und den Ärger lächelnd in Kauf. An mancher Stelle blieben die Mahnmale drei Monate lang sichtbar. Daraus zog er die Motivation, bleibende Erinnerungen zu schaffen. Die ersten der heute über 50 000 Stolperstein legte er dann in Berlin-Kreuzberg. „Ich hätte mir nie erträumen lassen, welche Formen das mal annimmt. Ob jemals jeder der Millionen Vertriebenen und Ermorderten einen Stein erhält, ist unwahrscheinlich. Zahlen interessieren mich nicht“, sagt Demnig, „denn schon der Erste war einer zuviel.“

Die Verlegung in Sontra hatte der Arbeitskreis Juden unter Federführung des pädagogischen Leiters der Adam-von-Trott-Schule, Ludger Arnold, Pfarrerin Doris Weiland und Alt-Bürgermeister Karlheinz Schäfer initiiert.

Von Lasse Deppe

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