Flucht aus der DDR endete in Sontra

Zahnarzt-Familie Angeli ist seit 30 Jahren für ihre Patienten im Einsatz

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Seit 30 Jahren sind sie für ihre Patienten in Sontra da: vorne von links Carina, Ute und Johannes Angeli. Im Hintergrund das Praxisteam.

Im kommenden Oktober feiert Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung und friedliche Revolution – Grund zum Feiern hat auch die Zahnarzt-Familie Angeli, die nunmehr seit 30 Jahren für ihre Patienten in Sontra im Einsatz ist.

Deren Familiengeschichte ist eng verwoben mit der innerdeutschen Teilung und Wiedervereinigung.

1989 flohen Ute und Johannes Angeli mit den beiden Kindern, die Tochter sieben Jahre alt und der Sohn ein Jahr alt, über Ungarn aus der DDR. Zunächst war die Familie in einem Schullandheim im bayerischen Würzburg untergebracht. Ihre halbjährige Assistenzzeit zur Anerkennung ihrer Berufsausbildung im Westen absolvierten Johannes und Ute Angeli in der Oberpfalz im Nordosten Bayerns.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Johannes Angeli, Sanitätsrat und Doktor der Medizin, bereits 27 Jahre als Zahnarzt in der DDR. Seine Frau Ute, ausgebildete Diplom-Stomatologin, schon seit zehn Jahren.

Suche nach einer Arztpraxis

Besonders schwer gestaltete sich zur damaligen Wendezeit die Suche nach einer Arztpraxis im Westen, weil die Preise für Übernahmen nach oben schnellten und es obendrein sowieso schwer war, eine Praxis zu finden, die Kapazitäten für zwei Zahnärzte bot, berichtet Johannes Angeli. „Zeitweise sind wir mit der ganzen Familie im Wartburg durch Deutschland gefahren, um uns Praxen anzusehen“, sagt der heute 82-Jährige.

Auch auf die Praxis in Sontra, die die Familie schließlich von Dr. Niemand übernehmen konnte, hätten sich 23 Interessenten beworben. „Wir hatten Glück und Dr. Niemand hat uns die Räume zu fairen Bedingungen überlassen“, sagt Johannes Angeli.

Eröffnung am 8. Juli 1990

Auf den Tag genau am 8. Juli 1990 öffnete die Zahnarztpraxis Angeli das erste Mal die Tür für die Patienten. Was damals schon so war und auch heute noch so ist: Im Haus an der Knappenstraße wird unten gearbeitet und oben gewohnt. Einziger Unterschied: Mittlerweile wohnt Tochter Carina über den Praxisräumen, Ute und Johannes Angeli haben sich laut eigenem Bekunden auf dem Nachbargrundstück mit ihrem Hausbau einen Traum erfüllt.

Und was war 1990 das Beste im neuen Heim in Sontra? „Vor allem die berufliche Freiheit“, sagt Johannes Angeli. Sich beruflich und auch privat in Westdeutschland frei verwirklichen zu können, sei das Größte gewesen. In der DDR habe es beispielsweise nur einen Diamantbohrer pro Monat für Zahnarztpraxen gegeben, so die heute 64-jährige Ute Angeli. Es sei befreiend gewesen, sich nun auch so weit um die Patienten kümmern zu können, wie man es immer wollte. „Und das ohne Hindernisse“, fügt ihr Mann hinzu.

Tochter Carina ist die Mangelwirtschaft der DDR vor allem aus Erzählungen bekannt. Die 38-Jährige studierte im thüringischen Jena, ist Doktorin der Zahnmedizin. Für sie stand nie zur Debatte, welchen Berufsweg sie einmal einschlagen würde. „Wenn zwei Leute am Mittagstisch sitzen und ständig von ihrer Arbeit sprechen, dann packt das einen automatisch“, so die Zahnärztin. 2009 folgte dann der Generationswechsel in der Praxis: Vater Johannes reichte den Staffelstab im Alter von 72 Jahren und nach 47 Berufsjahren weiter an seine Tochter. Zeitweise war er sogar der älteste praktizierende Zahnarzt in Nordhessen.

Heimat Nordhessen 

Fühlen sich die Angelis denn nach 30 Jahren eigentlich heimisch in Nordhessen, heimisch in der Stadt Sontra? „In der ersten Generation ist das schwieriger, weil man seine Schulfreunde nicht hier hatte, nicht hier aufgewachsen ist“, sagt Johannes Angeli. Er stammt aus dem Raum Leipzig, seine Frau Ute aus der Nähe von Eisenach. Bei seiner Tochter sei das wiederum schon etwas ganz anderes.

In drei Jahrzehnten habe sich im Zahnarztberuf einiges verändert, auch in der Praxis und dem mittlerweile sechsköpfigen Team in Sontra: „Es ist viel mehr Bürokratie eingezogen“, sagt Carina Angeli. Die Dokumentation habe zugenommen, auch das Qualitätsmanagement sei in Zahnarztpraxen in Deutschland immer mehr ein Thema. „Dadurch fehlt leider manchmal etwas Zeit, die man ansonsten gerne noch für die Patienten aufgewendet hätte“, sagt die 38-jährige Carina Angeli.

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