Anklage fordert zehn Jahre Haft für Schützen

Versuchter Mord in Sontra: Bluttat hatte laut Staatsanwalt "Hinrichtungscharakter" 

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Fordert zehn Jahren Gefängnis wegen versuchten Mordes: die Staatsanwaltschaft Kassel, vertreten durch Staatsanwalt Andreas Thöne.

Sontra/Kassel. Zehn Jahre Gefängnis für versuchten Mord aus niedrigen Beweggründen: So lautet der Strafantrag von Staatsanwalt Andreas Thöne für einen 50-jährigen Deutsch-Türken aus Göttingen.

Der Schneider aus der Universitätsstadt hatte am Abend des 11. Februars des vergangenen Jahres in Sontra den 24-jährigen Verlobten seiner Tochter mit zwei Schüssen aus einer halb automatischen 7,25-mm-Pistole niedergestreckt und dem jungen Kurden zwei lebensbedrohliche Bauchschüsse zugefügt. Dieser überlebte nur dank einer Notoperation im Eschweger Krankenhaus. 

Vor dem Plädoyer der Anklage hatte Richter Volker Mütze von der 6. Strafkammer des Landgerichts die neuen Beweisanträge der Nebenklage abgelehnt. So gebe es keinerlei Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund der Tat, sagte Mütze. Hintergrund ist nach Darstellung des Staatsanwalts, dass der Angeklagte nicht mit der auf März 2018 angesetzten Hochzeit seiner Tochter mit dem Kurden einverstanden war. Die Bluttat habe regelrechten „Hinrichtungscharakter“ gehabt, sagte Thöne. Der Angeklagte habe den Kurden töten wollen, die Schüsse seien eine „Machtdemonstration“ gewesen und hätten ihm die Handlungshoheit zurückbringen sollen.

Vor seinem Strafantrag von zehn Jahren Gefängnis wegen versuchten Mordes hat Staatsanwalt Andreas Thöne vor dem Kasseler Landgericht detailliert die Vorgeschichte der Bluttat in Sontra geschildert. Der 50-jährige Deutsch-Türke, der in Göttingen eine Änderungsschneiderei betreibt, habe für seine vier Töchter und seinen Sohn klare Vorstellungen für deren künftiges Leben gehabt. Die Kinder sollten sich voll in die städtische, moderne deutsche Gesellschaft integrieren. Um ihnen dies zu ermöglichen, habe der Mann über Jahrzehnte bis zu 18 Stunden täglich in seiner Schneiderei gearbeitet.

Entsprechend ablehnend habe er zur Kenntnis genommen, dass sich seine damals erst 17 Jahre alte Tochter in den jungen Kurden verliebte, dessen Großfamilie mit ihren eher traditionellen Lebensformen im ländlichen Umfeld so gar nicht zu den Plänen des Vaters passen wollte.

Als die Hochzeitspläne des jungen Paares immer konkreter wurden, kam es zu zahlreichen Versuchen zwischen beiden Familien, sich gegenseitig anzunähern. Dies gelang mal mehr, mal weniger gut. Vater und Tochter entfremdeten sich immer mehr. Als deutlich wurde, dass die Tochter auch ohne Einverständnis des Vaters heiraten wollte, kündigte der Angeklagte an: „Dann wird Blut fließen.“

Nach zahlreichen Vermittlungsversuchen stimmte der 50-Jährige schließlich der Verlobung zu, die am 3. Dezember 2018 in Göttingen friedlich gefeiert wurde. Einen Tag später widerrief er am Telefon seine Zusage aber wieder.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag, als der Kurde seine Verlobte nach Göttingen zurückbrachte, eskalierte die Situation in wüste gegenseitige Beschimpfungen und Bedrohungen.

Der Angeklagte besorgte sich die Schusswaffe, eine alte Polizeipistole aus der Nachkriegszeit, die mit vier Patronen geladen war. Außerdem steckte er eine Luftdruckpistole ein, als er am Sonntagnachmittag des 11. Februars nach Sontra fuhr. Er holte den jungen Kurden aus einer Moschee zum Gespräch ab, zog dann beide Waffen, schoss und verletzte den jungen Mann mit acht Treffen lebensgefährlich.

Erst gegen Ende der Beweisaufnahme hatte der Angeklagte sein Schweigen gebrochen und berichtet, er habe ungezielt geschossen, weil ihn der Kurde mit einer Flasche bedroht habe. Die Anklage nahm ihm die behauptete Notwehr allerdings nicht ab.

Am 18. Februar werden ab 13 Uhr die weiteren Plädoyers gehalten, das Urteil folgt am 22. Februar.

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