Fragen und Antworten zum 75. Jahrestag des berühmten Gemäldes

Wichmannshausen: Pfarrer und Mediziner Kurt Reuber malte im Krieg die Stalingrad-Madonna

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Für jedermann zugänglich: die Kopie der Stalingrad-Madonna in der Wichmannshäuser Sankt Martinskirche. Mit seiner Familie lebte Zeichner Kurt Reuber bis zu seinem Antritt als Truppenarzt im Zweiten Weltkrieg in dem heutigen Sontraer Ortsteil. 

Wichmannshausen. Im Bunker geschaffen: Vor 75 Jahren zeichnete der Wichmannshäuser Pfarrer und Mediziner Kurt Reuber kurz vor Weihnachten die bekannte Stalingrad-Madonna.

Sein Werk sollte den Soldaten, die mit ihm in Gefangenschaft saßen, für einen Moment all das Leid vergessen lassen, welches ihnen im Krieg widerfuhr.

Welche Beziehung hatte Kurt Reuber zu Wichmannshausen?

Am 26. Mai 1906 wurdeKurt Reuber in Kassel geboren. Am 1. April 1933 trat er seinen Pfarrdienst in Wichmannshausen, Hoheneiche und Mitterode an. Zu dieser Zeit begann er außerdem ein Medizinstudium in Göttingen. Ab 1942 agierte Kurt Reuber als Truppenarzt in Stalingrad. Er geriet in Gefangenschaft und verstarb am 20. Januar 1943 nach einer chronischen Mittelohrvereiterung im Lager Jelabuga. 

Mit seiner Ehefrau Martha Reuber-Iske bekam der Pfarrer drei Kinder, die in Wichmannshausen aufwuchsen. Auch seine letzten Tage in Deutschland verbrachte Reuber in Wichmannshausen. Nach seinem Heimaturlaub kehrte er nach Stalingrad zurück – 48 Stunden bevor die deutschen Soldaten von der Roten Armee eingekesselt wurden

Warum hat die Stalingrad-Madonna so eine große Bedeutung?

Mitten im Krieg und kurz vor Weihnachten im Jahr 1942 bereitete er heimlich tagelang eine Überraschung für seine ebenfalls in Gefangenschaft geratenen Kameraden vor. Mit einem Stück Holzkohle bemalte er die Rückseite einer sowjetischen Landkarte. Darauf zu sehen: die Madonna mit dem Jesuskind im Arm. Fest, aber behütet drückt die sitzende Frauengestalt das Kind unter ihrem Mantel an sich. 

Das Bildnis trägt die Überschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“. Am Heiligen Abend war es dann so weit. Kurt Reuber zeigte den Soldaten die Zeichnung. Das auf ein Holzbrett genagelte Werk rührte die Betrachter zutiefst. Einige von ihnen beteten es an, weil es den Gefangenen in schrecklicher Traurigkeit Hoffnung schenkte.

Wie kam die Madonna nach Wichmannshausen?

Durch ein Flugzeug gelangte das Bildnis vor Reubers Tod von Stalingrad nach Deutschland; in die Hände der Familie von Kurt Reuber in Wichmannshausen. Im Pfarrhaus in Wichmannshausen, wo die Stalingradmadonna im Wohnzimmer hing, nagte unterdessen die Ungewissheit an seiner Familie. Erst 1946 erreichte sie die Todesnachricht - zusammen mit dem letzten Brief Reubers und seiner letzten Zeichnung, der „Gefangenen-Madonna“.

Kann man das Bild heute noch anschauen?

Ja, sogar in Wichmannshausen. Das Original hängt auf Wunsch seiner Kinder in der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Berliner Gedächtniskirche. Von dieser Kirche aus wurden zwei Kopien der Stalingrad-Madonna in das englische Coventry und an die Kathedrale von Wolgograd, das einst Stalingrad hieß, zur Ausstellung vergeben. Eine weitere Kopie befindet sich im Eingang der evangelischen Sankt-Martins-Kirche im Sontraer Ortsteil Wichmannshausen. Zudem steht dort eine Informationstafel zur Stalingrad-Madonna für Interessierte aufgestellt.

„Unsere Kirche ist die ganze Woche durchgehend für jeden zugänglich“, lädt der Ortsvorsteher Herbert Cebulla Interessierte ein, sich bei einem Besuch der Ortschaft auch die ausgestellte Kopie in der Kirche anzuschauen.

Wussten Sie schon, dass...

... es eine Zweitfassung der Madonna von Stalingrad gibt?

Weihnachten 1943 zeichnete Kurt Reuber im Kriegsgefangenenlager Jelabuga ein zur Stalingrad-Madonna ähnliches Bild für die Gefangenenzeitschrift. Es trägt den Titel „Gefangene Madonna“ und ist die letzte erhaltene Arbeit des Malers.

... Reubers Tochter vor vier Jahren Wichmannshausen besuchte? 

Im November 2013 berichtete Ute Tolkmitt im heutigen Kurt-Reuber-Gemeindehaus von ihrem Vater. Die heute 79-Jährige erinnerte sich an einen unglaublich liebevollen Menschen. (mf/ts)

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