Zeitzeugen berichten in Thurnhosbach vom Zweiten Weltkrieg

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges: Zwei deutsche Frauen beobachten den Einmarsch von US-Truppen. Foto: dpa

Thurnhosbach. Lange Fußwege zur Schule, Tieffliegeralarm und die Wirren der letzten Kriegsmonate: 26 Senioren aus Thurnhosbach haben während eines Erzählnachmittages im Dorfgemeinschaftshaus über ihre Erlebnisse im Zeiten Weltkrieg berichtet.

Eingeladen hatte Helmut Hollstein, von der Alters- und Ehrenabteilung der Feuerwehr Thurnhosbach.

Während des Krieges mussten die Schüler sich danach richten, in welchem Ort einer der sechs zuständigen Lehrer gerade unterrichtete. So konnte es durchaus vorkommen, dass der Fußweg zur Schule nach Stadthosbach, Kirchhosbach und auch mal nach Rechtebach führte. Ausgesetzt waren sie dabei einige Male der Gefahr durch Tiefflieger, bei der sie sich auf Anweisung des ältesten Hitlerjungen in den Graben zu werfen hatten. „Ging es nicht zügig genug, gab es vom Hitlerjungen Ohrfeigen, bis die ganze Wange rot wurde,“ berichtete ein Thurnhosbacher.

Eine der Aufgaben der Schulkinder bestand darin, in Stadthosbach Post abzuholen und zuzustellen. Dabei kam es zu einem Zwischenfall, der für einigen Ärger sorgte: In einem inzwischen abgerissenen Haus in Thurnhosbach lebten französische und polnische Kriegsgefangene, die tagsüber auf den umliegenden Bauernhöfen Zwangsarbeit verrichten mussten. Als publik wurde, dass einer der Gefangenen in regelmäßigen Abständen Pakete aus der französischen Heimat erhielt, stahlen die Schüler eines der Pakete mit Schokolade und Plätzchen. Nachdem die Diebe einige Tage später entlarvt wurden, setzte es eine Tracht Prügel. „Zusätzlich musste jedes Kind zur Strafe hundert mal ‘Du darfst nicht stehlen’ schreiben“, erinnerten sich die Zeitzeugen.

Aber auch über das Chaos der letzten Kriegsmonate diskutierten die Teilnehmer. So hatte die Wehrmacht beim Anrücken der Amerikaner Hals über Kopf Kettenfahrzeuge, Sturmgewehre und Handgranaten zurückgelassen, die die Jugendlichen zum Teil im Wald versteckten. Heutzutage nicht vorstellbar, schossen die Zehnjährigen mit den Gewehren im Wald und probierten sich an Panzerfaust und Handgranate. Kleine und große Verletzungen seien dabei keine Seltenheit gewesen. Als die Amerikaner schließlich von Eltmannsee anrückten gingen ihnen Bewohner Thurnhosbachs, die Englisch sprechen konnten, als Zeichen des Friedens mit weißer Fahne entgegen.

Aufruhr gab es später im Dorf aufgrund einer einquartierten SS-Familie. Aus Angst vor dem Urteil der Alliierten und der möglichen Exekution vernichtete der Mann alle SS-Utensilien in der Güllegrube. Erst auf Drängen seiner Frau, die erklärte, dass ihr Mann wegen des Verlustes seiner Geschwister aus dem Wehrdienst entlassen worden war, ließ der amerikanische Offizier milde walten. In der Nachkriegszeit sei es schwer gewesen seiner gewünschten Berufsausbildung nachzugehen. So wollte ein Dorfmitglied Lokomotivführer in Kassel werden, konnte dafür aber in der völlig ausgebombten Stadt keine Unterkunft finden. „Stattdessen führte ihn der Weg nach Waldkappel, wo er eine Lehre zum Schmied begann“, erzählte einer der Teilnehmer.

Während und nach dem Krieg fanden in Thurnhosbach Flüchtlinge ein Heim, die unter anderem aus dem Saarland und Ostpreußen stammten.

Von Maurice Morth

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