(K)eine ganz normale Familie: Die Horstmanns und ihre fünf Kinder

Sie haben ein großes Herz: Zu Besuch bei den Pflegeeltern Horstmann in Blankenbach

Das sind die Horstmanns: (von links) Kira, Emil, Yvonne, Frieda, Stefan, Louis und Jonas.
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Das sind die Horstmanns: (von links) Kira, Emil, Yvonne, Frieda, Stefan, Louis und Jonas.

Familie Horstmann aus Blankenbach ist eine besondere Familie. Sie haben insgesamt fünf Kinder, vier von ihnen haben zwei Elternpaare. Horstmanns sind Pflegeeltern.

Blankenbach – An der Flurwand hängt ein selbst gemaltes Porträt von sieben Menschen, kleine und große, alle lächeln, darüber steht „Unsere Familie“. Wer das Haus der Familie Horstmann zum ersten Mal betritt, merkt sofort, dass hier ein Ort ist, an dem Kinder groß werden und groß werden dürfen.

„Wir sind eine ganz normale Familie“, erzählen Yvonne und Stefan Horstmann unisono und heben die Schultern, so als sei es ganz selbstverständlich. Ist es für sie auch, von außen betrachtet ist diese siebenköpfige, zählt man die beiden Labradore noch dazu, sogar neunköpfige, Familie aber alles andere als normal.

Hier wird Liebe gelebt: Familie Horstmann aus Blankenbach hat insgesamt fünf Kinder, vier von ihnen haben zwei Elternpaare.

Horstmanns helfen Kindern in schwierigen Situationen

Yvonne (44) und Stefan (47) Horstmann lieben Kinder, das ist unbestritten. Ihr ganzes Berufsleben hat die Heilpädagogin mit Kindern und in verschiedenen Einrichtungen verbracht, schon recht früh entstand der Wunsch, Kindern in schwierigen Situationen zu helfen. „Ich wollte schon ein Pflegekind annehmen, bevor ich selbst Mutter wurde, aber das wollte Stefan zunächst nicht.“ Also ging die Familie erst den klassischen Weg der Elternschaft, Sohn Louis wurde 2004 geboren.

Zwei Jahre auf das erste Pflegekind gewartet

Einige Jahre später fühlten sich die Horstmanns bereit für die Pflegschaft und ließen sich von der zuständigen Stelle des Werra-Meißner-Kreises als Pflegeltern qualifizieren. „Dann passierte lange nichts, wir haben zwei Jahre auf unseren ersten Pflegesohn gewartet.“ Derzeit sind im Werra-Meißner-Kreis etwa 140 Kinder dauerhaft in gut 100 Pflegefamilien, aber auch in der Verwandtenpflege (Tante, Großeltern) untergebracht. Im Kreis werden immer Pflegefamilien gesucht.

Mit acht Monaten kam Jonas (Name von der Redaktion geändert) dann in die Familie, „ein kleines Häufchen Elend“, wie sich Yvonne erinnert. In seiner Herkunftsfamilie hatte Jonas wenig Ansprache, aber schon nach wenigen Wochen blühte der Junge richtiggehend auf.

Der leibliche Sohn ist jetzt 16 Jahre alt

„Es war so eine Freude mitzuerleben, wie Jonas sich entwickelte“, sagt das Ehepaar stolz und diese Freude, basierend auf dem Gefühl, einem Kind eine Chance zu geben, treibt Stefan und Yvonne Horstmann bis heute an. Nach Jonas (heute 9) folgte die Aufnahme drei weiterer Kinder, Kira (5), Emil (7) und Frieda (1,5). Sie alle leben jetzt gemeinsam mit dem leiblichen Sohn Louis (16) hier, ein bunt gemischter Strauß an Lebensgeschichten vereint sich unter dem Dach des gemütlichen Fachwerkhauses. Seit über acht Jahren sind die Horstmanns nun eine Pflegefamilie und haben diese Entscheidung nicht einen Tag bereut. „Wir lieben unsere Kinder und wir geben ihnen alles, was wir können.“

Meistern alles gemeinsam: Stefan und Yvonne Horstmann mit ihrem leiblichen Sohn Louis.

Dabei legen die Pflegeltern viel Wert darauf, jedes Kind so zu lassen, wie es ist. „Es sind kleine Persönlichkeiten. Sie haben vielleicht nicht den besten Start gehabt, aber wir geben unser Bestes, dass sie ein gutes Leben führen können.“ Dazu gehört auch der Kontakt zu der Herkunftsfamilie, der bei zwei der vier Pflegekinder sehr gut, teilweise sehr freundschaftlich, sei. „Wir gehen offen mit der Situation um, die Kinder wissen, dass sie zwei Elternpaare haben.“

Schwieriger sei es bei dem siebenjährigen Emil, bei dem kein Kontakt zur leiblichen Mutter besteht. „Emil stellt Fragen, natürlich will er wissen, wo er herkommt, gerade wenn er sieht, dass seine Geschwister ihre Herkunftsfamilie besuchen.“ Es sei ein schmaler Grat zwischen dem, was eine kleine Kinderseele wissen muss und dem, was sie aushalten kann, das wissen die Horstmanns und beantworten die Fragen mit Vorsicht. „Emil stellt sich vor, dass seine Mutter in einem Schloss lebt. Immer wenn wir an einem vorbei fahren, denkt er, sie wohne dort.“

Diese Art der Assoziation helfe derzeit noch gut, aber irgendwann wird er natürlich mitbekommen, dass seine Mutter aus anderen Gründen nicht bei ihm ist. „Die Biografiearbeit ist immer ein heikles Thema“, weiß auch Ariane Zengerling vom Pflegekinderdienst des Kreises, also der Stelle, die für Kinder ein neues Zuhause sucht. Seit über 20 Jahren gibt es den Pflegekinderdienst.

Der Alltag: Neben Großfamilie auch noch Tageskinder

Fünf Kinder, zwei Hunde, Berufstätigkeit, Haus und Garten, den Alltag in der Familie Horstmann stellt man sich hektisch vor, davon ist aber wenig zu spüren, denn im ganzen Haus herrscht trotz reger Betriebsamkeit eine angenehme Ruhe und Aufgeräumtheit. „Wir sind gut aufgestellt“, sagt Yvonne. Vormittags seien die großen Kinder aus dem Haus, nur die anderthalbjährige Frieda sei bei ihr, hinzu kommen derzeit auch Tageskinder, denn die Heilpädagogin hat sich vor Kurzem als Tagesmutter selbstständig gemacht. Nachmittags sei das Haus zwar voll, aber die Kinder beschäftigten sich gut miteinander und die Absprachen untereinander klappten gut.

Familie kann auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen

Außerdem könne die Familie auf ein gutes Netzwerk an Großeltern, Onkeln und Tanten zurückgreifen, die allesamt unterstützen, wo sie können. „Das Einzige, was mich wirklich manchmal schafft, sind die Wäscheberge, die Wäsche ist das Schlimmste“, sagt Yvonne und lacht. Abends um acht liegen alle Kinder im Bett und dann beginnt für Yvonne und Stefan der wohlverdiente Feierabend, und auch mal abends zu zweit essen gehen würde regelmäßig klappen.

Vorurteile von Nachbarn und anderen Eltern

Die Familie Horstmann ist sicherlich ein besonderes Beispiel dafür, wie eine Familie trotz ihrer heterogenen Zusammensetzung im Inneren stark ist. Nicht immer sei alles einfach, schon oft habe die Familie kämpfen müssen. Sei es gegenüber Vorurteilen von Nachbarn oder anderen Eltern. „Mir wurde schon Untreue vorgeworfen.“ Aber auch die Auseinandersetzung mit einer leiblichen Mutter, die ihre Tochter auf juristischem Weg zurückbekommen will, strapaziere die Nerven, gerade wenn man weiß, in welche Verhältnisse das Kind zurückmüsste.

„Ein großes, offenes Herz haben, das ist das Wichtigste.“

Yvonne und Stefan Horstmann

Insgesamt, so resümieren Stefan und Yvonne aber, haben sie viele Situationen sehr gut gemeistert. Auch die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt oder anderen behördlichen Stellen sei zu jeder Zeit sehr positiv und man erhalte von den Mitarbeitern viel Unterstützung und erfahre Dankbarkeit. Auf die Frage, welche Tipps sie interessierten Pflegeeltern geben können, sind sich die Horstmanns einig: „Ein großes, offenes Herz haben, das ist das Wichtigste.“ Ein großes Herz, das ist auch auf dem Familienporträt zu sehen, das Jonas von seiner nicht ganz normalen, aber sehr glücklichen Familie gemalt hat. (Von Maren Schimkowiak)

Pflegekinderdienst

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