Er hat ihnen vieles zu verdanken

Abgeschobener Kurde Mehmet Ak trifft nach 22 Jahren die Waldkappeler Familie Richter wieder

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Verbringen zusammen Zeit: Robert u nd Maria Richter aus Waldkappel sind mit Mehmet Ak (Mitte) unterwegs und besuchen Orte aus Mehmets Kindheit. 1997 wurde er mit seiner Familie abgeschoben. 

Der Kurde Mehmet Ak besucht 22 Jahre nach seiner Abschiebung die Waldkappeler Familie Richter wieder. Ihnen hatte er während seiner Zeit in Deutschland vieles zu verdanken.

Die Freude war riesig, als bei Familie Richter in Waldkappel das Telefon klingelte. Am Apparat war Mehmet Ak, der seinen Besuch in Waldkappel ankündigte. Zuletzt gesehen hatte das Paar den heute 35-jährigen Mehmet zuletzt 1998 in Gaziantep, einer Großstadt in kurdischem Gebiet nahe der syrischen Grenze in der Türkei. Dort hauste der damals 15-Jährige mit seinen neun Geschwistern und seiner Mutter in einer Garage unter katastrophalen Bedingungen, wie Maria Richter (79) heute noch entsetzt erzählt.

Zurück in Deutschland

Mehmet Ak lebt seit Anfang des Jahres mit seiner Frau, die er voriges Jahr heiratete, in der Nähe von Hamburg. Sie kommt aus Bosnien und er hat eine zunächst auf fünf Jahre begrenzte Aufenthaltserlaubnis. Er wollte die Richters aus Waldkappel unbedingt besuchen, haben er und seine Familie ihnen doch vieles zu verdanken. „Frau Richter hat sich sehr viel um uns gekümmert“, sagt er. Mehmet lebte in den 1990er-Jahren bereits einige Jahre in Waldkappel.

Die Abschiebung

Das Schicksal derkurdischen Familie Ak schlug 1997 in der Region hohe Wellen, als die alleinstehende Adile Ak und ihre neun bei ihr lebenden Kinder im Alter zwischen drei und 20 Jahren aus Deutschland abgeschoben werden sollten. Fünf Jahre zuvor war die Familie, damals noch mit dem als gewalttätig geltenden Vater, nach Deutschland gekommen und lebte in einer Flüchtlingsunterkunft in Waldkappel.

Die Frau hatte sich unterdessen von ihrem Mann getrennt, der Asylantrag für die Familie war allerdings abgelehnt worden. Lediglich das Verfahren für den bereits in Deutschland geborenen jüngsten Sohn war noch anhängig.

Ein erster Abschiebeversuch im August 1997 scheiterte, weil die Mutter zufällig nicht zu Hause war. Fortan versteckte Adile Ak sich. Engagierte Frauen des „Vereins Frauen für Frauen“, an erster Stelle auch die im vorigen Jahr verstorbene Ursula Vaupel, unterstützten die Kinder, die ohne Eltern lebten. „Wir haben ihnen bei den Hausaufgaben geholfen und waren für sie da“, erzählt Maria Richter. Der damals 14-jährige Mehmet war eng mit dem Sohn der Richters, Johannis, befreundet, der später bei einem Autounfall tödlich verunglückt.

Leben in der Türkei

Im November werden Adile Ak und ihre Kinder endgültig in die Türkei abgeschoben, drei ihrer Kinder werden von der Polizei, zum Teil in Handschellen, aus dem Unterricht der damaligen Mittelpunktschule in Waldkappel abgeholt. Den Frauen des Vereins gelingt es, die Abschiebung in eine „freiwillige Ausreise unter polizeilicher Überwachung“ umzuwandeln. Die Tickets bezahlen sie aus eigener Tasche. Noch viele Jahre unterstützen sie die Familie finanziell.

Das Wiedersehen

Mehmet verbringt jetzt einige Tage mit Familie Richter, am Montag waren sie in Eschwege unterwegs, gestern besuchten sie gemeinsam Mehmets ehemalige Schule in Waldkappel, die heutige Karlheinz-Böhm-Schule. Seine ehemaligen Lehrerin, Erika Wirkner, will er unbedingt noch treffen.

„Als Mehmet jetzt zu uns zu Besuch kam“, sagt Maria Richter, „war es, als würde sich nach all der Zeit der Kreis endlich schließen.“

Ausbildung zum Goldschmied

Nach ihrer Abschiebung 1997 kehrt Familie Ak nie mehr nach Deutschland zurück. Adile Ak und ihre Kinder leben in Gaziantep in der Nähe der syrischen Grenze in einer Garage ohne fließend Wasser und ohne Heizung – bis heute. Nach seiner Rückkehr in die Türkei besucht auch Mehmet keine Schule mehr, in Deutschland galt er als sehr guter Schüler. Er und ein älterer Bruder arbeiten, um die Familie zu ernähren. 

Denn Adile Ak erfährt in ihrer Heimat keinerlei Unterstützung und wird eher geächtet, weil sie sich scheiden ließ. Im ersten Jahr und später sporadisch wird Adile Ak finanziell von Ursula Vaupel, der Familie Richter und weiteren Spendern unterstützt. Ursula Vaupel und Maria Richter reisen 1998 nach Gaziantep und besuchen die Familie, mit deren Kindern sie sich vor allem verbunden fühlen. Mehmet macht in der Türkei eine Ausbildung zum Goldschmied, arbeitet später auf dem Bau. Heute lebt er mit seiner Frau in Hamburg und arbeitet in einer Fabrik

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