Vor 75 Jahren

Angriff auf Munitionszug im Waldkappeler Bahnhof -Schienenteile flogen bis nach Bischhausen

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Unter den 17 bestätigten Opfern waren viele Bahnbedienstete, die im Bahnhofsgebäude wohnten.

Vor 75 Jahren explodierte im Bahnhof von Waldkappel kurz vor Kriegsende ein Munitionszug. Etwa 40 Menschen starben. Hermann Josef Friske hat die Ereignisse von damals rekonstruiert.

Der Munitionszug mit 35 Waggons stand bereits seit dem 30. März 1945 auf Gleis 1 auf der Nordseite des Waldkappeler Bahnhofs, der sich rund 400 Meter oberhalb des Waldkappeler Stadtrands befand. Dieser Zug hatte in Kisten verpackte hochexplosive Zünder für V 1-Raketen, in den letzten Kriegstagen produziert bei der Dynamit AG in Hirschhagen, geladen. Über 400 Meter lang war dieses Gespann. Der Bahnhof war stark frequentiert an diesem 31. März. Nur in Richtung Eschwege konnte der Munitionszug ausfahren und wurde deshalb geparkt. Eine Lok wurde vom Bahnhof Niederhone angefordert, die den Zug nach Eschwege bringen sollte. Diese fuhr auch in Niederhone ab, blieb aber wegen eines Maschinenschadens in der Nähe der „Schiefen Brücke“ liegen. Somit kam der Munitionszug nicht aus dem Waldkappeler Bahnhof heraus. Ein Verhängnis.

Ständige Luftangriffe

Denn in diesen Tagen wurden die Bahnstrecken immer wieder von amerikanischen Jagdbombern beschossen. Am 30. März hatte es deswegen schon den Zivilisten Karl Waldemar Diegel erwischt, der eigentlich seine Schwester auf dem Fürstenstein besuchen wollte und im Wartehäuschen getroffen wurde. Am Nachmittag des 31. März wurde in Waldkappel wieder Fliegeralarm gegeben. Aus Göttingen kam die Nachricht, dass die Bahnstrecken wieder von Tieffliegern angegriffen würden. Die Waldkappeler flüchteten sich in die Schutzräume. Das verhinderte Schlimmeres.

Die Explosion

Denn um 16.55 Uhr hörten die Bewohner der Stadt Waldkappel einen fürchterlichen Explosionsschlag und erblickten in diesem Moment in Richtung Bahnhof eine riesige Feuer-, Rauch- und Staubwand. Gewaltige Erdmassen sowie Trümmer von Gebäuden und rollendem Material gingen über der Stadt und ihrer Umgebung hernieder. Teile von Eisenbahnschienen – etwa drei bis vier Meter lang – flogen bis an den Ortseingang von Bischhausen, Eisenplatten und andere Eisenteile wurden über die Felder verstreut. Selbst in Reichensachsen bebte die Erde dermaßen, dass man glaubte, etliche Gebäude würden jeden Moment in sich zusammenfallen, berichteten Augenzeugen. Anschließend trat Stille ein. Lähmendes Entsetzen erfasste die Einwohner von Waldkappel. Was war passiert?

Der Tathergang

Zwei amerikanische Jagdbomber kamen in geringer Höhe von Süden her vom Mittelberg Richtung Bahnhof angeflogen und hatten den Munitionszug beschossen und getroffen. Der amerikanische Mustangpilot Warren H. Jolly schildert den Angriff folgendermaßen: „Während einer Patrouille westlich von Erfurt sahen wir auf einem Bahnhof einen abfahrbereiten Güterzug stehen. Nachdem wir gewendet hatten, griffen wir den Zug aus nördlicher Richtung her mit MG-Feuer an. Genau in dem Augenblick, als sich die beiden Flieger direkt über dem Zug befanden, explodierte dieser. Lt. John P. Ryan wurde durch die Explosion eine Tragfläche abgerissen.“ Laut amerikanischer Verlustlisten wurde Lt. Ryans Flugzeug durch die Explosionswelle in der Luft zerfetzt, wobei er den Tod gefunden hat.

Die Opfer

Über die Opferzahlen gibt es verschiedene Auskünfte. 17 sind offiziell bestätigt. Andere Quellen der damaligen Zeit sprechen von bis zu 40 Toten. Die Schätzung von bis zu 80 Toten ist nach den Recherchen von Hermann Friske zu hoch gegriffen. Durch die Detonation wurden viele Einwohner durch Glassplitter und herabstürzende Balken oder Ziegel leicht und einige auch schwer verletzt.

Die Schäden

Rund 25 000 Kubikmeter Erdreich wurden hochgeschleudert. Auf dem Bahngelände waren 3800 Meter Gleise und 14 Weichen total zerstört oder ganz einfach verschwunden. 138 Häuser in Waldkappel wurden schwer beschädigt. Zu 70 Prozent wurden die Dächer abgedeckt, die Türen und Fensterscheiben zertrümmert oder sonstige Schäden verursacht. Zwei Wohnhäuser in der Bischhäuser Str. 7 und Nordstraße 2 waren so stark beschädigt, dass sie geräumt werden mussten. Die Kirche war ebenfalls nicht mehr zu benutzen. Schwere Eisenplatten und sonstige Eisenteile hatten sich über die umliegenden Felder verteilt. Noch am 4. Mai lagen eiserne Träger von etwa 80 bis 100 Zentner Gewicht im Umkreis von 300 Metern um den Bahnhof herum. Außerdem lagen Güterwagenachsen mit Rädern und andere schwere Eisenteile, die mit Menschenkraft allein nicht beseitigt werden konnten, noch im Bereich von mehreren 100 Metern Entfernung auf den Feldern verstreut. 

Diese Überreste von der Explosion des Munitionszuges hatte Andreas Struthmann 2015 gefunden. 

70 Jahre nach dem Angriff fand der Waldkappeler Forstarbeiter Andreas Struthmann knapp anderthalb Kilometer von der Explosionsstelle entfernt Reste einer Bombe aus dem Zug.

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