Ein Mann, eine Sprache

Ido-Sprecher Alfred Neussner aus Burghofen wird 90 Jahre alt

Verstehen sich nicht nur auf Deutsch: Heidi und Alfred Neussner aus Burghofen sprechen fließend Ido. Zahlreiche Texte übersetzte der fast 90-Jährige in die internationale Weltsprache. Foto: Funk

Burghofen. Er ist einer der wenigen Menschen in der Region, der die Weltsprache Ido sprechen kann: Alfred Neussner aus dem Waldkappeler Ortsteil Burghofen. Seit über 70 Jahren begleitet die Sprache den fast 90-Jährigen durch sein Leben – und prägte dieses ungemein.

„Ein Freund“, berichtet der gebürtige West-Berliner, „dem ich öfters beim Holzmachen half, legte mir ans Herz, die Ido-Sprache zu erlernen.“ Neussner fand großen Gefallen an der einfachen Grammatik sowie Aussprache und lernte über 100 Verse auswendig, die ihm sein Freund handschriftlich auf Papier schrieb. Schon nach kurzer Zeit war der damals 20-Jährige in der Lage, Ido nicht nur zu lesen, sondern sogar zu spechen.

Esperanto, die Vorgänger-Sprache von Ido, beherrscht Alfred Neussner ebenfalls. Sprechen will er heute neben Deutsch aber nur noch Ido. Auch seine Ehefrau Heidi, die er in einer Berliner Esperanto-Jugendgruppe kennenlernte, unterhält sich am liebsten nur noch in den beiden Sprachen mit ihm. Das Ehepaar, das 1986 von Berlin nach Burghofen zog, ist sich einig: „Ido ist die beste Grundlage, wenn man eine europäische Fremdsprache erlernen möchte.“

Es ist kein Geheimnis, dass die Familie Neussner sich in der im Jahre 1907 entstandenen Weltsprache unterhält. „Einige Wörter lassen sich viel präziser, als es im Deutschen überhaupt möglich ist, ausdrücken“, erklärt Heidi Neussner. Zudem seien alle Begriffe geschlechtsneutral, was eine gendergerechte Sprache garantiere, so die ehemalige Berlinerin.

Andere Menschen aus der Region auf die Ido-Sprache aufmerksam zu machen und dadurch weitere Sprecher auszubilden war für Alfred Neussner schon immer wichtig. Er übersetzte zahlreiche Bücher, engagiert sich als Verwaltungschef für die Ido-Gesellschaft Deutschland und hütete bis vor ein paar Jahren deren Archiv in seinen eigenen vier Wänden. „Ido ist wie eine Muttersprache für mich“, gesteht der 89-Jährige.

Heute hat Alfred Neussner nur noch wenige Exemplare im Besitz, die ihm aber umso mehr bedeuten. Es sind Bücher und Zeitschriften, die er täglich durchblättert. Für ihn eine gute Beschäftigung, denn richtig gehen kann er seit einem Krankheitsfall nicht mehr. Ebenfalls erfreut sich der einstige Einzelhändler an einer Modell-Eisenbahn, die auf einem Schienengestell platziert in seiner Wohnung steht. „Es ist die letzte Erinnerung an mein damaliges Geschäft.“

An vergangene Tage erinnern wird sich Alfred Neussner mit Sicherheit an diesem Wochenende ganz besonders: Seine beiden Söhne, Verwandte und Freunde reisen aus weiter Ferne nach Burghofen. Gemeinsam wollen sie dann den 90. Geburtstag des Ido-Sprechers feiern.

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