Post-Polio-Syndrom

David Neuenfeld sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl und muss um seine Berufsunfähigkeitsrente kämpfen

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Ungewöhnliche Wohngemeinschaft: David Neuenfeld (rechts) mit seiner Lebensgefährtin Irmgard Büchler (links) und den beiden Pflegeassistentinnen Katharina Schmöckel (hinten links) und Kamilla Kramm. 

David Neuenfeld sitzt inzwischen seit 20 Jahren im Rollstuhl, erleidet zum Teil unerträgliche Schmerzen – seine Diagnose: Polio-Folgezustände, auch Post-Polio-Syndrom genannt.

Wenn David Neuenfeld spricht, atmet man als Gegenüber fast automatisch ein bisschen gepresster, der eigene Atem fließt nicht so selbstverständlich wie sonst. Bei jedem Wort, das der 63-Jährige sagt, ist seine Atemnot zu spüren – trotz einer Beatmungsmaske, die der rund um die Uhr trägt und die den Sauerstoff im Raum manchmal knapp werden lässt. Er

Trotz seiner schweren Behinderungen kämpft Neuenfeld seit Jahren um seine Berufsunfähigkeitsrente vor verschiedenen Sozialgerichten, nutzt sein eigenes Schicksal aber auch, um anderen Behinderten zu helfen, sei es mit Rat oder im Streit um einen Rollstuhl, den eine Kasse nicht bewilligen will. Er hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und agiert mit Hilfesuchenden über das Internet. „Man muss zeigen, dass man noch lebt und kämpfen kann“, sagt er.

Im Alter von knapp drei Jahren, im Frühjahr 1960, erkrankte Neuenfeld während einer in Deutschland wütenden Epidemie an der gefährlichen Virusinfektion Polio (Poliomyelitis), auch Kinderlähmung genannt. Er gehört zu dem kleinen Prozentsatz an Erkrankten, bei denen die Krankheit extrem schwer verlief – gerettet werden konnte er damals nur, weil er einige Wochen und Monate in einer Eisernen Lunge verbrachte, die für ihn das Atmen übernahm.

Zwar gab es ab den 1950er-Jahren bereits eine Impfung gegen Polio, allerdings war sie noch nicht flächendeckend eingeführt worden. David Neuenfeld erholte sich nach seiner Erkrankung auch, schaffte einen Hauptschulabschluss und machte eine Lehre als orthopädischer Schuhmacher. Mit Anfang 20 plötzlich machten sich Schwächen in beiden Händen bemerkbar, ein Symptom kam zum anderen. Die Folgen der Polio, die Nerven, Muskeln und Atemsysteme unheilbar und nachhaltig schädigt, wurden sichtbar. 1986 wird ihm eine Berufsunfähigkeitsrente zuerkannt.

Doch 1990 erkennt ihm die Rentenversicherung seine Berufsunfähigkeitsrente wieder ab mit der Begründung, dass Neuenfelds Zustand sich deutlich verbessert habe. „Ich wurde als Simulant beschimpft“, erzählt Neuenfeld.

Ab Mitte der 1990er-Jahre geht es ihm immer schlechter, er ist dauererschöpft, hat Atemnot und Schluckbeschwerden, Muskelschwäche und -schmerzen. So nachzulesen in einem Gutachten von Dr. Peter Brauer aus hamburg. Er bescheinigt ihm eine relevante kliniksche Ausprägung eines Post-Polio-Syndroms. „Damals wollte ich mir beiden Beine abnehmen lassen, weil ich solche Schmerzen hatte“, erzählt Neuenfeld.

Doch die Gerichte bleiben hart – bis heute. „Polio ist eine vergessene Krankheit, es gibt kaum noch einen Arzt, der sich damit auskennt“, weiß Neuenfeld. Seit drei Jahren streitet er wieder vor Gericht, das Sozialgericht Kassel gab ihm sogar Recht und erkannte die PPS an, allerdings ohne die Rentenversicherung zu einer rückwirkenden Zahlung zu verpflichten. Der Widerspruch liegt nun beim Sozialgericht in Darmstadt. „Danach gehe ich zum Bundessozialgericht und dann an den Europäischen Gerichtshof“, kündigt Neuenfeld an. Und ansonsten hilft er anderen.

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