Es ist Feierabend

Chor Concordia Schemmern nach 115 Jahren aufgelöst 

Eine Gruppe von Frauen steht in einer Kirche im Halbkreis, vor ihnen steht eine Frau und dirigiert ein Lied. 
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Der gemischte Chor Concordia Schemmern singt beim Weihnachtskonzert 2016 in der Kirche des Waldkappeler Stadtteils

„Feierabend“ von Anton Günther war in der jüngeren Vergangenheit ihr liebstes Lied – nun ist der für den gemischten Chor Concordia Schemmern Realität geworden: Seit dem vergangenen Dienstag, 22. September, ist der Verein aus dem Waldkappeler Stadtteil aufgelöst – und das nach knapp 115 Jahren Chorgeschichte.

Schemmern – „Der Altersschnitt war in unserem Chor schon hoch, die Coronakrise hat uns nun aber den Rest gegeben“, sagt die Vorsitzende Annemarie Lenz. Die Mitgliederzahlen seien in den vergangenen Jahren stark gesunken, der Chor wäre in den kommenden Jahren sowieso aufgelöst worden. Zu guter Letzt sangen noch zwölf Frauen und vier Männer im Chor. „Der Vorstand hat sich dann entschlossen, mit der Coronakrise nun einen Schlussstrich zu ziehen“, so Lenz.

Ein großer Einschnitt ist das für das Sozialleben der Chormitglieder in dem knapp 300-Seelen-Stadtteil: „Viele sind bereits verwitwet, sitzen abends alleine zu Hause.

Sie sind immer froh gewesen, wenn sie in Gesellschaft waren, nach dem Singen in der Kneipe Werkmeister noch ein gemeinsames Bier tranken und sich über die Neuigkeiten aus Schemmern austauschten“, sagt Edda Eberth, die bis zuletzt Chorleiterin war. „Singen ist gut für die Seele“, ergänzt Vorstandsmitglied Reinhold Heerich´Eberth sieht mehrere Gründe dafür, dass Chöre und Gesangvereine in der heutigen Zeit keine Chance mehr hätten, zu überleben. „Der Musikunterricht ist mies, es werden heute keine Gesanggrundbausteine mehr vermittelt. Deswegen haben die jungen Leute auch kein Gefühl mehr für Chormusik“, sagt Eberth. Viele der Vereine würden auch nicht in der Lage sein, Kompromisse einzugehen und sich mit anderen zusammenzuschließen, um zu überleben. „Dabei ist man nur gemeinsam stark“, sagt die ehemalige Chorleiterin. Als dritten Punkt führt sie an, dass die Interessen zwischen der jüngeren und älteren Generation auseinandergingen.

„Die jungen Leute wollen auch mehr Gospel singen, in Englisch. Da treffen unterschiedliche Ansichten aufeinander“, so Eberth. Zwar habe man viel um Mitglieder geworben, das habe aber keine Früchte getragen, so Annemarie Lenz.

Ursprünglich als Männerchor gegründet, wurde daraus im Laufe des 20. Jahrhunderts ein gemischter Chor. Zu Spitzenzeiten sangen über 50 aktive Mitglieder. Blicken die Vorstandsmitglieder auf die Höhepunkte der über 100-jährigen Geschichte zurück, dann sehen sie Kirmesauftritte, Auftritte anlässlich runder Geburtstage, Sängerfeste mit anderen Chören, für die man bisweilen weit reiste, ein Weihnachtssingen um Nikolaus für Kinder, Ausflüge in die Rhön und bis an die Mosel und vor allem die Hundert-Jahr-Feier im Kulturzentrum in Waldkappel.

Verdient gemacht um den den Chor haben sich in all den Jahrzehnten Wilhelm Jacob und Friedemann Jacob. Friedemann Jacob war von 1975 bis zu seinem Tod 2015 der Chorleiter und eine „echte Institution“, wie die Vorstandsmitglieder betonen.

Über 200 Lieder hatten die Sänger im Repertoire. „Im Ort wird etwas fehlen“, sagen sie. Aber es soll für sie weitergehen, wenn auch nur im privaten Rahmen. Im Lied „Feierabend“ heißt es zwar „das Tagwerk ist vollbracht, es zieht alles seiner Heimat zu, ganz sachte schleicht die Nacht“, doch nach jeder Nacht bricht auch wieder ein neuer Morgen an.

Von Maurice Morth

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