Gemeindeschwestern 2.0 über Schulter geschaut

Managerin statt Pflegekraft - die Gemeindeschwester 

Drei Menschen sitzen auf einem Sofa und schauen sich ein Formular an. 
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Gemeindeschwester Julia Beyer schaut mit dem Ehepaar Margot und Winfried Eichholz im Seniorenwegweiser des Kreises nach Pflegediensten. 

Die Gemeindeschwester Julia Beyer unterstützt nicht nur beim beantragen von Pflegemitteln, sie kann auch zuhören.  

Bischhausen– Zu Familie Eichholz kam Gemeindeschwester Julia Beyer durch einen Hinweis des Hausarztes Jann Hünermund, dessen Praxis sie angegliedert ist. „Der Arzt riet mir, dort mal anzurufen und Frau Eichholz sagte mir gleich für einen Termin zu“, erinnert sich Beyer an den ersten Kontakt zu dem Ehepaar aus Bischhausen. Die Idee, von einer der fünf Gemeindeschwestern des Werra-Meißner-Kreises unterstützt zu werden, fand Margot Eichholz gleich gut. „Da kann man auch mal auf jemanden zurückgreifen, wenn etwas ist“, erklärt die 84-Jährige.

Und bei dem Ehepaar Eichholz steht häufig so einiges an, denn durch die akute Krebserkrankung von Winfried Eichholz und die vielfach angegriffene Gesundheit von seiner Ehefrau Margot sind beide auf Unterstützung angewiesen – Pflegegrade müssen beantragt, Transportscheine ausgefüllt und Arzttermine koordiniert werden. Dabei helfen die Gemeindeschwestern des Werra-Meißner- Kreises unkompliziert.

Gemeindeschwester als Schaltstelle 

Das Konzept der Gemeindeschwester hatte das Land Hessen wieder aufleben lassen, um nicht nur die Pflege älterer und kranker Menschen abdecken zu können, sondern auch eine Schaltstelle zu schaffen, die einen Überblick über mögliche Hilfen und Förderungen gibt und diese koordiniert.

„Im Werra-Meißner-Kreis besteht definitiv Bedarf für die Gemeindeschwester, auch ,Case-Managerin' genannt, aber wir haben leider ein festgelegtes Budget“, erklärt Judith Strecker, Marketing- und Kommunikationsmanagerin der Gesunder Werra-Meißner-Kreis GmbH. Das Unternehmen fördert, zusammen mit dem Landkreis und dem Ärztebündnis des Kreises, das Projekt.

Fünf Jahre finanziert Land die Stelle 

Auf fünf Jahre ist der Einsatz der Gemeindeschwestern vom Land Hessen gedeckelt. „Wir hatten fünf Vollzeitstellen für die Gemeindeschwestern beantragt, aber nur eine Fast-Vollzeit- und sonst Teilzeitstellen bekommen“, bedauert Strecker.

Dass es noch mehr Stunden sein könnten, merkt auch Gemeindeschwester Julia Beyer. Kaum hat sie es sich auf dem Sofa des Ehepaares Eichholz gemütlich gemacht, da klingelt schon ihr Handy – ohne Pause. „Das sind Klienten, die mich erreichen wollen, ich rufe auch immer gleich zurück, sobald es geht“, beteuert Julia Beyer und lächelt.

Die 38-jährige gelernte Altenpflegerin hat in ihrer Zeit als nicht-ärztliche Praxisangestellte Patienten zuhause betreut und kennt nicht nur die Bedürfnisse und Sorgen vieler Klienten, sondern ist auch bei den zu Hause Betreuten teilweise schon bekannt. Mit ihrer herzlichen und offenen Art hat sie auch mit dem Ehepaar Eichholz dankbare Patienten gefunden. „Sie ist so eine Liebe, die Schwester Julia, wir haben uns gleich gut verstanden“, sagt Margot Einholz aufrichtig. Dann wird die 84-Jährige noch einmal traurig, als sie von der schweren OP ihres Mannes berichtet. 

Mehr als nur Koordinatorin 

In solchen Momenten ist Gemeindeschwester Julia Beyer mehr als eine Koordinatorin – sie hört zu und versucht schwere Momente etwas leichter zu machen, indem sie einen Teil der Organisationslast nimmt. So hat Julia Beyer die medizinische Versorgung der 84-Jährigen überhaupt erst wieder nach langer Pause möglich gemacht. Ihre eigene Behandlung musste Margot Eichholz nämlich hinten anstellen, als ihr Mann erkrankte und deshalb auch nicht mehr Auto fahren konnte.

Julia Beyer sorgte für verlässliche Fahrten in die Klinik. „Jetzt kann ich auch wieder ins Krankenhaus, um meine Blutarmut behandeln zu lassen“, freut sich Eichholz.

Für Julia Beyer ist aber nicht nur die Koordination Teil ihres Berufes. „Manchmal geht es auch einfach um das Gespräch an sich“, weiß die Gemeindeschwester. Gerade in der Coronazeit und der damit verbundenen Isolation vorerkrankter Menschen sei ein Gespräch so unverzichtbar.

„Wenn ich in der Nähe von Klienten bin, schaue ich auch mal vorbei oder rufe an, besonders wenn der Hausarzt oder Familienangehörige eine Notwendigkeit zur Betreuung melden“, erklärt Beyer.

Denn die Gemeindeschwester schaut vor allem dann vorbei, wenn es einen Anlass gibt. Das kann eine notwendige Unterstützung aus einer körperlichen oder seelischen Instabilität heraus sein. Case-Managerinnen wie Julia Beyer schalten sich dann ein und müssen gut vernetzt sein, wie die 38-Jährige berichtet. „Ich stehe in engem Kontakt mit den Pflegediensten, Krankenkassen, Apotheken und Ärzten“, umreißt Julia Beyer ihr Aufgabenfeld.

„Die Gemeindeschwestern setzen dort an, wo der Pflegedienst aus Zeitmangel nicht helfen kann“, ergänzt Judith Strecker.

Wer fördert das Projekt? 

Das Projekt der Gemeindeschwester 2.0 wird vom Land Hessen gefördert. Im Werra-Meißner-Kreis kommt weitere Unterstützung vom Landkreis, dem Ärztebündnis Werra-Meißner e.V. und dem Netzwerk Gesunder Werra-Meißner-Kreis. 

Was wird abgedeckt? 

Die Gemeindeschwestern schließen die Lücke zwischen medizinischer und psychosozialer Versorgung. Sie sind auch für Menschen, die noch keinen Pflegebedarf haben, zuständig. Die vom Land Hessen geförderten Gemeindeschwestern führen dabei keine Pflegeleistungen durch, sondern beraten und kümmern sich allgemein um die Bedürfnisse der Patienten. 

Wer ist Ansprechpartner? . 

Marion Sangmeister, zuständig für Eschwege, Weißenborn, Wehretal, Meinhard. Telefon 0 56 51/99 22 60. . Julia Beyer, zuständig für Waldkappel, Wanfried, Sontra, Ringgau, Herleshausen, Wehretal, Meinhard, Eschwege / Weißenborn. Telefon 0170/2 28 93 73. . Maren Gerlach, zuständig für Bad Sooden-Allendorf, Meißner, Berkatal. Telefon 0175/2 16 64 23. . Jessica Pautz, zuständig für Hessisch Lichtenau, Großalmerode, Kaufunger Wald; Telefon 0174/7 53 70 24. . Ines Mühlhausen, zuständig für Witzenhausen, Neu-Eichenberg, Telefon 0 55 42/2008

Von Kim Hornickel 

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