Synagoge in Harmuthsachsen

Gotteshaus verfällt:Verein will Synagoge in Harmuthsachsen retten

Hier erinnert nicht mehr viel an eine Synagoge: Nachdem eine benachbarte Scheune abgerissen wurde, steht die Wetterseite des Gebäudes frei und verfällt zusehends. 
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Hier erinnert nicht mehr viel an eine Synagoge: Nachdem eine benachbarte Scheune abgerissen wurde, steht die Wetterseite des Gebäudes frei und verfällt zusehends. 

Die ehemalige Synagoge in Harmuthsachsen ist kurz vorm Verfall. Der Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ will das Gebäude nun retten.

Harmuthsachsen – 2004 wurde sie noch mit dem Landesdenkmalpreis ausgezeichnet. Viel Geld wurde damals in die Erhaltung der Synagoge von Harmuthsachsen gesteckt. Heute ist sie dem Verfall preisgegeben – von innen wie von außen. Dass sie bald einstürzt, scheint nicht unmöglich. Der Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ will das unter allen Umständen verhindern.

Von allen Seiten dringt Wasser in das Denkmal ein. Im Dach fehlen Ziegeln, überall gibt es Löcher. Seit dem Abriss einer angrenzenden Scheune wegen Baufälligkeit liegt seit mehr als zweieinhalb Jahren auch die Wetterseite des mehr als 200 Jahre alten Gebäudes frei. In die Lehmwand dringt nun Feuchtigkeit ein. Der Dachstuhl scheint nach Informationen des Vereins „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ noch in Ordnung zu sein.

Das Fachwerk faule aber bereits, berichten Ludger Arnold und Dr. Martin Arnold aus dem Vorstand. Sie sind inzwischen auch für die Synagoge in Harmuthsachsen zuständig, nachdem sich der Förderverein des Gotteshauses ihnen angeschlossen hat. Jetzt sei die letzte Chance, das Gebäude vor dem Zusammenbruch zu retten. „Es wäre ein Zeichen zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, die Synagoge dem Verfall zu überlassen“, spielt Martin Arnold auf einen spürbar wachsenden Antisemitismus in Deutschland an.

Im Inneren sitzt die Feuchtigkeit bereits in den Wänden. Schimmel hat sich gebildet.

Problem: Der aktuelle Eigentümer will weder sanieren noch verkaufen

Das Problem: Der aktuelle Eigentümer aus dem Raum Stuttgart ist nach Angaben des Vereins derzeit weder bereit, in Sanierungsmaßnahmen zu investieren, noch das Gebäude zu verkaufen. „Über die Gründe kann man nur spekulieren“, sagt Ludger Arnold. Im Raum steht ein Verkaufspreis von rund 30 000 Euro.

Seit den ersten Verhandlungen zwischen Land Hessen und Eigentümer im Jahr 2005 habe man sich nicht einigen können. Seitdem ist die Synagoge für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Martin Arnold war zwischenzeitlich der Einzige, der die Gebäude nochmal betreten durfte.

Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen, das Ende der 1990er-Jahre die Ertüchtigung des Gebäudes vorangetrieben hat, sagt auf Anfrage unserer Zeitung zu, „den Erhalt des Denkmals und seine Aktivierung als Gedenkort“ weiterhin zu unterstützen. Gleichzeitig verweisen sie aber auf die Untere Denkmalschutzbehörde des Kreises als Verantwortliche.

Im Inneren der Synagoge kann man noch heute einiges entdecken. Zu sehen sind noch der Thora-Vorbau und einige Reste der bemalten Innenverkleidung. Auch ein jüdisches Tauchbad soll noch vorhanden sein.

Auch die Treppe befindet sich nach Jahren der Vernachlässigung in einem desolaten Zustand.

Für die Kulturgeschichte hat die Synagoge in Harmuthsachsen eine besondere Bedeutung. Sie ist die einzige Dorfsynagoge, die erhalten ist und nicht anderweitig genutzt wird. Dem Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ schwebt deshalb vor, mit dem Gebäudeensemble aus Synagoge und Lehrerwohnung an das Landjudentum zu erinnern. In der angrenzenden Lehrerwohnung könnten das Tauchbad freigelegt werden und eine Ausstellung einziehen. Dieser Zugang für die Öffentlichkeit ist vonnöten, um Fördermittel von Bund und Land zu beziehen.

Der Verein würde die Pflege und Unterhaltung des Gedenkortes übernehmen. Ein Mandat dafür haben die Mitglieder während der jüngsten Jahreshauptversammlung ausgesprochen. Die Stadt Waldkappel hatte bereits zugesagt, die Freunde jüdischen Lebens bei Pflegearbeiten rund um das Gebäude zu unterstützen und bei der Grundsteuer entgegenzukommen. „Den Kauf und die große Bauunterhaltung können wir allerdings nicht stemmen“, sagt Martin Arnold. Ohnehin: Erstmal muss der Eigentümer verkaufsbereit sein.

Das sagt der Untere Denkmalschutz

Der schlechte bauliche Zustand ist der Unteren Denkmalschutzbehörde Werra-Meißner bekannt und wird nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten in unregelmäßigen Abständen begutachtet. Der nächste Termin zur Überprüfung ist für Herbst dieses Jahres geplant. Aufgrund einer akuten Gefährdung der Synagoge durch „vernachlässigte Unterhaltungspflicht“ des Daches wurde der Eigentümer 2016 per Instandsetzungsanordnung aufgefordert, das Dach zu reparieren. „Wegen dieser Anordnung gab es ein Widerspruchs- und Verwaltungsgerichtsverfahren, mit dem Ergebnis, dass im Rahmen eines Vergleiches das Landesamt für Denkmalpflege die Kosten für die Instandsetzung übernommen hat“, teilt die Untere Denkmalschutzbehörde mit.

Sollte sich bei der Überprüfung des Gebäudes im Herbst 2021 durch das Landesamt für Denkmalpflege und der Unteren Denkmalschutzbehörde herausstellen, dass die Substanz des Gebäudes gefährdet ist, „wird gegenüber dem Eigentümer wieder eine Instandsetzungsverfügung erlassen“, teilt der Sprecher des Werra-Meißner-Kreises, Jörg Klinge, mit.

Aus dem Blickfeld der Nazis gerutscht

Die ehemalige Synagoge in Harmuthsachsen ist aus einer ehemaligen Scheune entstanden. 1833 wurde das Wirtschaftsgebäude geweiht. Dass die Synagoge heute noch so erhalten ist, verdankt sie einem Zufall. 1928 wurde die Synagoge verkauft und ab 1936 wieder als Stallung genutzt, weswegen sie aus dem Blickfeld der Nazis verschwand.

Eine Synagoge wird nach Angaben der Historiker Dr. Karl Kollmann und Thomas Wiegand in Harmuthsachsen erstmals 1814 erwähnt. Der Nachfolgebau, der heute mehr und mehr verfällt, wurde 1833 durch den Rabbiner Goldmann aus Eschwege eingeweiht.

In ihrem Buch „Spuren einer Minderheit – Judenfriedhöfe und Synagogen im Werra-Meißner-Kreis“ berichten die beiden Heimatforscher, dass es unmittelbar an die Synagoge angrenzend seit Ende der 1860er Jahre eine kleine jüdische Elementarschule, die mit Unterbrechungen bis zirka 1925 bestand gab. Danach besuchten die wenigen jüdischen Kinder die Dorfschule beziehungsweise Schulen in Bebra.

Neben dem alten jüdischen Friedhof auf einem schmalen Bergsporn des Rauschenberges gab es in Harmuthsachsen ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu angelegtes Bestattungsgelände „Im alten Dorf“.

Zur jüdischen Gemeinde Harmuthsachsen gehörten auch die Juden aus Waldkappel.

Um 1860 gehörten 130 Juden und damit rund 25 Prozent der Dorfbevölkerung zu Harmuthsachsen. Nach Angaben von Dr. Martin Arnold wurden 32 Mitglieder der jüdischen Gemeinde und der Bürgergemeinde Harmuthsachen Opfer des Holocausts. „Für so viele Menschen aus einem kleinen Dorf im Werra-Meißner-Kreis gibt es bis heute keinen Gedenkort“, sagt Arnold.

Von Tobias Stück

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