Eine Flut feuriger Funken

Beim großen Stadtbrand 1854 wurden zwei Drittel Waldkappels zerstört

Die historische Zeichnung zeigt, was von Waldkappels evangelischer Kirche nach dem großen Feuer 1854 übrig blieb. Im Hintergrund sieht man einige zerstörte Gebäude bereits wieder errichtet.
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Die historische Zeichnung zeigt, was von Waldkappels evangelischer Kirche nach dem großen Feuer 1854 übrig blieb. Im Hintergrund sieht man einige zerstörte Gebäude bereits wieder errichtet.

Am 25. Oktober 1854 kam ein großes Unglück über Waldkappel: Am heutigen Kirchplatz brach ein Feuer aus, das den Großteil der Stadt zerstören sollte.

Waldkappel – Niemand war darauf vorbereitet: Gegen 18.30 Uhr brach in den mit Erntevorräten gefüllten Hintergebäuden zweier Wohnhäuser ein Feuer aus. Durch den kräftigen Sturm und den damit verbundenen Funkenflug griff das Feuer schnell um sich. Selbst eiligst herbeigeeilte Löschmannschaften konnten trotz des Einsatzes einer Spritze die angrenzenden Häuser nicht schützen.

Selbst der verzweifelte Versuch, dem Feuer durch den Abriss einiger Häuser Einhalt zu bieten, scheiterte. Eine kontrollierte Bekämpfung des Brandes war nicht mehr möglich. Besonders dramatische Szenen müssen sich in der inneren Stadt abgespielt haben: Fast von allen Seiten vom Feuer umschlossen, konnten die Bewohner sich oft nur noch auf die Rettung ihrer Familienangehörigen beschränken. Ihr persönlicher Besitz fiel meist den Flammen zum Opfer.

Zerstörung der Kirche

Als aus den benachbarten Orten die erste Hilfe eintraf, stand schon fast die halbe Stadt in Flammen. Als Konsequenz brannten bald auch das Rathaus und die Schule.

Eine Flut von Funken und feurigen Kohlen zieht über die ganze vor dem Feuer liegende Stadt dahin. Der Anblick macht das Herz erstarren.

Unbekannter Zeitzeuge

Für die frei stehende Kirche mit ihren massiven Außenmauern bestand zunächst noch die Hoffnung, sie könne der Feuersbrunst trotzen. „Furchtbar leuchtete die Glut in die hohen schon springenden Fenster herein und lichtete fast taghell das liebe Heiligthum“, schrieb ein unbekannter Zeitzeuge zur Dramatik der Situation. Mit lautem Krachen sollen letztlich auch Turm und Dach brennend in das Kircheninnere gestürzt sein. Das Feuer hatte alle Gebäude zwischen dem Harmuthsächser Tor und dem Untertor ergriffen und den Nordostteil Waldkappels vernichtet.

Lediglich im kleineren westlichen Teil der Stadt konnten die Bewohner dem riesigen Feuer etwas entgegensetzen. Dort hatten weitere aus den umliegenden Ortschaften herbeigeeilte Löschmannschaften mehrere Spritzen eingesetzt.

Es gelang, in der Hohen Gasse (heute Hindenburgstraße) mehrere Häuser zu schützen und auch an der Braugasse das Feuer zu stoppen. Hätte der Wind nur ein wenig seine Richtung verändert, wären wohl auch die Häuser um das Obertor (heute Friemer Straße) den Flammen zum Opfer gefallen.

Vorräte blieben zurück: Getreidevorrat wurde fast vollständig zerstört

In nur drei Stunden war Waldkappel zerstört. Aus der brennenden Stadt konnte nur sehr wenig gerettet werden, die Getreidevorräte wurden vollständig zerstört. Vom Kircheninventar konnten lediglich die Abendmahlskelche und die Kirchenbücher gerettet werden. Mit dem Rathaus wurden sämtliche städtischen Akten, Pläne, Karten und Urkunden vernichtet.

Wie verheerend das Ausmaß der Katastrophe für Waldkappel war, zeigt eine Aufzählung der zerstörten Gebäude: die Schule, die Pfarrei, ein Wachhaus, 128 Wohnhäuser, 55 Hintergebäude, 65 Scheunen, 147 Stallungen, zwei Fabrikgebäude, eine Warenlagerhalle und eine Färberei. Die Kirche brannte vollständig aus. Vier Wohnhäuser hatten Brandschäden, lediglich 40 Wohngebäude sowie das städtische Brauhaus blieben erhalten.

Ein Wunder bei all der Zerstörung: Lediglich ein Menschenleben war zu beklagen. Der siebzigjährige Christoph Döring wurde vom Feuer eingeschlossen und fand auf dem Hinterhof seines Anwesens den Tod.

Der große Stadtbrand in Waldkappel: Ein Großteil der Gebäude wurde dabei zerstört.

984 Einwohner wurden obdachlos

984 Einwohner der Stadt hatten ihr Dach über dem Kopf verloren, nicht selten auch ihr komplettes Hab und Gut. Da der Winter kurz vor der Tür stand, musste schnell für die Betroffenen gesorgt werden: Einige fanden in den vom Feuer verschonten Häusern Unterschlupf, die meisten Familien konnten in den benachbarten Gemeinden untergebracht werden.

Aber auch in weiter entfernten Orten wurde den Menschen Asyl gewährt, 150 von ihnen kehrten Waldkappel für immer den Rücken. Zur Versorgung der Opfer wurden zügigst Lebensmittel und Bekleidung benötigt. Regierung, Behörden und Kirchen leisteten sofort Hilfe und riefen außerdem zu weiteren Spenden für die Waldkappeler auf.

Daraufhin setzte eine Welle der Hilfsbereitschaft ein. Besonders erwähnt werden kann hier der Landrat von Eschwege. In Würdigung seiner Verdienste während des Brandes und nach der Katastrophe erhielt der Regierungsrat Carl Friedrich von Stiernberg 1856 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Waldkappel.

Große Not nach der Brandkatastrophe: Bürger verarmten, Stadt Waldkappel fast zahlungsunfähig

Zögerlich begann nach der Brandkatastrophe ab dem Frühjahr 1855 der Wiederaufbau der Stadt Waldkappel. Da fast alle der abgebrannten Gebäude nicht ausreichend versichert waren, konnte der Wiederaufbau nur durch eine zusätzliche Unterstützung und Finanzhilfen realisiert werden.

Zum Bau wurden auch in den Ortschaften der näheren Umgebung Fachwerkhäuser gekauft, vor Ort abgebaut und in Waldkappel wieder aufgebaut. Die Wiederherstellung der Waldkappeler Kirche wurde durch Brandkassengelder, Kirchenkollekten sowie Spenden erbracht – bereits 1857 war das Gotteshaus fertig.

Gleichzeitig machte eine allgemeine Verarmung der Bewohner und die finanzielle Belastung als Konsequenz der Katastrophe die Stadt Waldkappel in den ersten Jahren nach dem Brand fast zahlungsunfähig.

Trotz eines Steuererlasses durch die Kasseler Regierung musste sich die Stadt immer höher verschulden und konnte mehrere Jahre lang keinen ausgeglichenen Haushalt vorweisen. Wie groß die Not und das Leid in der Waldkappeler Bevölkerung damals wirklich waren, wird in einem Beschluss des Waldkappeler Bürgerausschusses aus dem Jahr 1858 deutlich. Im Protokoll heißt es: „Da das Betteln der Kinder, namentlich auch solcher Eltern, die jung, stark und arbeitskräftig sind, um ihre Kinder ernähren zu können, überhandgenommen hat und dadurch manch Almosen den wirklich Bedürftigen entzogen wird, so ergeht an den Stadtrath das dringende Ersuchen, eine Armenkasse zu errichten.“ (Von Maurice Morth)

Hinweis: Dieser Artikel ist mit freundlicher Unterstützung des Geschichtsvereins Waldkappel entstanden.

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