Dorfchronist Jochen Lieberum schaut auf die Faschingszeit vor der Pandemie

Keine Zeit für Narretei: Bischhausens Dorfchronist schaut auf Fasching vor Pandemie

Ein Dorfchronist ohne Bühne: Jochen Lieberum steht seit zehn Jahren beim Bischhäuser Fasching auf der Bühne – bis die Coronapandemie kam.
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Ein Dorfchronist ohne Bühne: Jochen Lieberum steht seit zehn Jahren beim Bischhäuser Fasching auf der Bühne – bis die Coronapandemie kam.

Eigentlich ist die Faschingszeit auch im Werra-Meißner-Kreis ein lautes und ausgelassenes Fest. Dann werfen die Narren mit Konfetti und feiern bunt verkleidet.

Bischhausen - In Bischhausen steht dann, immer am Wochenende vor Rosenmontag, Dorfchronist Jochen Lieberum auf der Bühne und erzählt von den Missgeschicken der Bischhäuser. Doch die Coronapandemie verhindert all das in diesem Jahr.

Zum Ende einer stillen Faschingszeit, im zweiten Coronajahr, blickt der 60-Jährige noch einmal auf die zu Ende gegangene Karnevalszeit zurück und erinnert sich an lustige Faschingsabende.

„Meine Texte waren manchmal erst eine halbe Stunde vor Karnevalsbeginn fertig“, erzählt der Dorfchronist von Bischhausen. Er freut sich und schwelgt in Erinnerungen an die sonst recht hektischen Minuten vor seinen Auftritten. „Ich brauche den Druck aber auch ein bisschen“, sagt der 60-Jährige.

Lieberum sammelt über das ganze Jahr Geschichten

Das ganze Jahr über sammelt Jochen Lieberum Geschichten aus dem Ort, die er in den letzten Wochen vor dem Bischhäuser Fasching dann zu einer Büttenrede zusammenschreibt. In den gereimten Zeilen bekommt jeder sein Fett weg, egal ob Altbürgermeister Reiner Adam, Ortsvorsteher Lothar Hellwig oder Jochen Lieberum selbst, jedes Missgeschick wird von dem Chronisten, der immer in braunen Lederhosen und mit einem Filzhut auf der Bühne steht, skandiert. So trieb Lieberum auch eine dichte Qualmwolke, die über Bischhausen waberte, um.

Deren Verbreitung rechnete er dem Ortsvorsteher zu, nur um sich dann in der nächsten Rede selbst aufs Korn nehmen zu müssen, denn der Räuchermann war dann doch nicht der verdächtigte Lothar Hellwig. „Da darf man sich selbst auch nicht so ernst nehmen“, sagt Jochen Lieberum und grinst.

Die immer neuen Infos, mit denen er seine Reden füllt, holt sich Lieberum aus dem Alltag. „Da geht man mal abends weg und schnappt was auf, oder ich frage auch mal umher“, erklärt er seine Strategie. Auf der Jagd nach fesselnden Missgeschicken ist Lieberum das ganze Jahr.

Schon beim Helferessen kurz nach dem Karneval spitzt Lieberum wieder die Ohren, um neues Material für seine Auftritte zu erhaschen, doch das ist nicht immer ganz leicht. „Wenn ich dann einen richtigen Knaller nicht mitbekommen habe, freut sich der ein oder andere “, sagt Lieberum.

An den Wochenenden am produktivsten

Wenn er alle Informationen zusammen hat, setzt sich Jochen Lieberum vier- bis sechs Wochen vor dem Faschingsabend hin und schreibt seine Rede, immer Stück für Stück.

„Ich bin auch schon nachts aufgestanden, weil mir etwas eingefallen ist“, berichtet der Dorfchronist. An den Wochenenden sei aber seine produktivste Zeit, sagt er. Manchmal plage den erfahrenen Schreiber aber auch eine Blockade, dann gehe tagelang nichts. „Dann sagt meine Frau, geh unter die Dusche, da fällt dir was ein“, verrät der Chronist seinen Geheimtipp für mehr Produktivität.

Auch für die Faschingsfeier in der Coronazeit hatte Lieberum schon gesammelt. Die Missgeschicke und Anekdoten aus dem vergangenen Jahr seien jedoch nicht vergessen. „Die kommen mit aufs Tablett für nächstes Jahr“, weiß Lieberum. Dass er in 2021 nicht auf der Bühne stehen konnte und die Faschingsfeier in Bischhausen, wie überall im Kreis, ausfallen musste, findet der 60-Jährige traurig. „Das ist schon nicht schön. Da fehlt etwas.“

Noch bis vor ein paar Tagen, im Januar, wäre Lieberum eigentlich im Schreibfieber gewesen. Stattdessen hatte der Dorfchronist mehr Freizeit. „Dieses Jahr war es mal nicht so stressig“, sagt Lieberum. Und auch seine Frau, die ihm sonst stets assistiere, hätte mal eine Pause eingelegt, sagt er. „Sie hat schon gesagt, jetzt habe ich mal meine Ruhe“, sagt Lieberum und lacht.

Die Pause ist nicht von langer Dauer. Im nächsten Jahr will Jochen Lieberum wieder auf der Bühne stehen. Und dann heißt es: „Grüßt euch ihr Bischhäuser Narren, vielleicht habt ihr wieder was zu lachen. Was letztes Jahr gewesen ist, alles die reine Wahrheit ist.“ (Kim Hornickel)

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