WR-Serie: Die Kirche im Dorf lassen

Die Kirche in Rechtebach: Eine Pfeife ist immer im Dorf

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Einfach gebaut: das Kirchenschiff wurde im Fachwerkstil gebaut. 

Rechtebach. 85 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im Verbreitungsgebiet der Werra-Rundschau – jede Kirche hat mindestens eine spannende Geschichte zu erzählen: Kirche in Rechtebach wartet mit Anekdoten und Besonderheiten auf.

Die Entstehungsgeschichte der Rechtebacher Kirche ist einer in dem Gebäude ausliegenden historischen Ausarbeitung zufolge in ihrer Frühzeit nicht urkundlich überliefert. Die spätere Baugeschichte sei aber an dem Gotteshaus selbst gut ablesbar. Der älteste Teil ist der spätgotische Chorraum mit einer schlichten Sakramentsnische aus gleicher Zeit. An den Wänden stehen heute mehrere Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert, um sie vor Wind und Wetter zu schützen.

Eine Fotodokumentation aus dem 17. und 18. Jahrhundert hilft derweil beim Entziffern der Inschriften und macht auch die verdeckten Rückseiten der in Bauernbarock bearbeiteten Steine sichtbar. Der Raum dient noch heute als Leichenhalle. Heraus ragt der 1820 errichtete Turm mit geschwungener Haube. Im Glockenturm hängt neben zwei neuen Glocken der Firma Rincker aus dem Jahr 1953 mit den Inschriften: „Der Herr des Friedens gebe uns Frieden allenthalben“ und „Der Meister ist da und rufet dir“ auch die alte, auf dem Hamburger Glockenfriedhof wieder aufgetauchte Glocke, die Rechtebach 1942 hergeben musste.

Turm und Schiff der Kirche in Rechtebach sind aus dem Jahr 1820

Wie der Turm stammt ebenso das Kirchenschiff aus dem Jahr 1820 – in einfachem Fachwerk in schlichter Ständerkonstruktion über einem Sandsteinsockel. Weil es an Geld fehlte, dauerte es viele Jahre bis zur notwendigen Sanierung. 2013 passierte es dann: Dachstuhl, Decke und Inneneinrichtung wurden mehr oder minder auf den neuesten Stand gebracht.

Besonderheit: Die Kanzel in der Kirche ist zentral hinter dem Altar angebracht – laut Pfarrer Jochen Sennhenn ist das ein Symbol dafür, dass Gottes Wort das Wichtigste sei.

Zudem gab es eine neue Heizung. Die Sitzbänke teilten sich fortan auf Podeste rechts und links des Kirchenschiffs. Seither gibt es wieder einen Mittelgang. Was fehlt, ist eine Friedhofshalle. Deshalb wird der Sarg bei Beerdigungen links neben den Altar gestellt. Bis dahin steht er draußen. Auch für Brautpaare ist der Einzug durch den Mittelgang wieder schöner.

Bis ins frühe 20. Jahrhundert hatte die Kirche in Rechtebach den historischen Ausführungen zufolge weder eine Orgel noch ein Harmonium. In der Ortschronik ist über die Auseinandersetzung zwischen dem Metropolitan in Waldkappel, der ein Instrument anschaffen wollte, und dem Rechtebacher Gemeinderecher, der das Geld dafür nicht locker machen wollte, Folgendes zu lesen: „Mäh kunn doch hebsch gesinge, unn mäh honn doch enne Orgel mit enner Pfiffe.“ Dieser Satz – so notiert in der Schulchronik – hat sich seit den Zeiten des Lehrers Schmidt im Dorf gehalten, denn bei einem Gottesdienst hatte den Erzählungen nach Valentin Schmidt, der stets ein guter Sänger war, ein Kirchenlied zu hoch angestimmt, und selbst die höchsten Sopranstimmen der Weiber stürzten in der Höhe ab.

Der Retter der Situation war der damalige Bürgermeister – ein laut Chronik kleiner Mann, der ziemlich gut pfeifen konnte. Und so pfiff er oben von der Männerbühne das Gesangbuchlied einmal vor, und die richtige Stimmlage war gefunden. Wozu also eine Orgel? Eine „Pfeife“ werde doch sicherlich immer im Dorf sein, wie K.-H. Bintzer in „Die Rechtebacher Kalennermacher“ schreibt. Von 1901 an gab es dennoch ein Pfeifenharmonium, das 1950 ersetzt wurde durch ein Orgelpositiv der Firma Bosch.

Die Kirche in Rechtebach von A bis Z

A wie Abendmahlsgeschirr: Einzelkrüge, Gießkelch und Teller aus Ton gibt’s.

B wie Besen und Putzwedel: Die werden regelmäßig von fleißigen Helfern aus dem Dorf geschwungen, um die Kirche in gutem Zustand zu halten.

C wie Christbaum: Der steht immer links neben dem Altar.

D wie Dach: Dessen Ziegeln wurden 1989 erneuert.

E wie Erinnerungstafeln: Die wurden aus Spenden und aus dem Erlös der Dorfchronik finanziert und erinnern an die Gefallenen aus den beiden Weltkriegen.

F wie Frauen: Das weibliche Geschlecht sitzt in der Kirche Rechtebach in der Regel im unteren Kirchenschiff.

G wie Grabsteine: Die zieren in restauriertem Zustand den Glockenturm und stammen aus den vergangenen Jahrhunderten. Die Inschriften (siehe Foto) liegen in einer Mappe in der Kirche aus.

H wie Heizung: Wurde 2013 erneuert. Seitdem sitzen unter den Bänken Strahler.

I wie Immer noch ein Plätzchen frei: Gilt auf jeden Fall für alle Interessierten.

J wie Junge wie Alte sollen sich hier wohl fühlen: Tun sie auch, garantiert. Der Pfarrer kann’s bestätigen.

K wie Kanzel: Kerzenständer, Kreuz und Krippenspiel gibt es natürlich auch in dem Gebäude.

L wie Luxus: Den gibt es hier nicht, würde aber auch nicht zu den Rechtebachern passen.

M wie Männer: Die saßen bis vor zirka zehn Jahren ausschließlich nur auf der Empore.

N wie Nägel: Dadurch wird die Fachwerkkirche zusammengehalten.

O wie Orgelpositiv: Ist von der Firma Bosch und stammt aus den 1960er-Jahren.

P wie Parlamente: Sind vorhanden in weiß, grün und violett.

Restauriert: ein alter Grabstein im Glockenturm der Kirche in Rechtebach.

Q wie Querdenker: Soll es auch geben.

R wie Renovierung: Dachstuhl, Deckenkonstruktion und Inneneinrichtung wurden 2013 aufgemöbelt.

S wie Sarg: Steht in Rechtebach bei der Trauerfeier links neben dem Altar.

T wie Tür: Ein Hingucker, die ist aus Eichenholz.

U wie Uhus: Die schwirren in Rechtebach nicht rum, aber dafür Käuzchen in den Linden vor der Kirche.

V wie voll: Ist das Gotteshaus zugegebenermaßen nur an Heiligabend.

W wie willkommen: Ist jeder in der kleinen Kirche.

XY wie XY: Die Sendung Aktenzeichen XY fahndet noch nach einer Lösung, um die Kirche auch an anderen Tagen zu füllen.

Z wie zahlreiche Besucher: Die werden sicherlich auch 2018 den Weg hier her finden.

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