Kriegsende vor 75 Jahren

Waldkappeler berichten von den letzten Kriegstagen als Kinder

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Eine Postkarten-Aufnahme der Stadt Waldkappel aus dem Jahr 1938. Der Pfeil im oberen Bildteil weist auf das noch nicht zerstörte Bahngelände und die Gleise der Bahnstrecke hin.

Vor 75 Jahren wurde der Zweite Weltkrieg beendet. Wir berichten aus dem Buch der Niederländerin Cécilie Oranje, die die letzten Kriegstage in Waldkappel aus Kindersicht beschreibt.

Auf eine weitere Quelle mit Tatsachenberichten über die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges machte der Waldkappeler Pfarrer Rolf Hocke aufmerksam. Hocke weist auf das Buch „Mamma, es ist Krieg! – Kinderjahre während des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden und Deutschland“ der Niederländerin Cécilie Oranje hin, die 2016 durch die Niederlande und Deutschland reiste und einige Dutzend kleiner Geschichten und Kriegserlebnisse aufzeichnete. Darunter auch zwei Beiträge der damals in Waldkappel lebenden Adolf und Edda – nur deren Vornamen sind angegeben – die die Kriegstage aus Kindersicht beschreiben.

Adolf

Adolf, ein Waldkappeler Junge, der diesen Namen seinem Patenonkel verdankt, war bei Kriegsbeginn fünf Jahre alt. Adolfs Eltern waren nicht in der Partei, wurden vom Waldkappeler Ortsgruppenleiter aber mehrmals dazu aufgefordert. Adolfs Vater wurde schon bald eingezogen, musste Munition und Essen transportieren.

Im Jahr 1938 , aus dem diese Postkarte mit Aufnahmen aus dem Ort stammt, schmückte sich die Stadt noch mit dem Titel „Luftkurort Waldkappel, die Stadt am Walde“.

1941 wurde Adolf eingeschult. 1943 trat er ins Jungvolk ein, wo er die ersten schlechten Erfahrungen mit den oft schlimmen Riten der Nationalsozialisten machte: „Als Kind hat man das alles nicht so richtig überschaut, man musste halt mitmachen. Das hat mir nicht unbedingt gefallen.“ So zum Beispiel bekam er zwei Wochen lang keine Lebensmittelkarten, weil er wegen der Beerdigung seiner Oma einen Appell nicht besuchte. „Die Oma war denen nicht so wichtig.“

Auf dem Waldkappeler Kirchplatz machte die Jugend, auch Adolf, schon sehr früh Bekanntschaft mit der deutschen Wehrmacht. Auch ein Pferdelazarett mit in Polen verletzten Tieren wurde nach Waldkappel verlegt, und „wir durften die Tiere dann reiten, die Bewegung brauchten.“ Adolf lernte auch bald die amerikanischen Tiefflieger kennen. „Zwei kamen einmal so tief angeflogen, dass ich am Fenster glaubte, sie würden ins Haus fliegen. Die Piloten konnte man sehen.“

Im Februar 1944 erlebten die Waldkappeler einen Luftkampf mit, als eine US-B 29 Superfortress, die Kassel bombardiert hatte, abgeschossen wurde. Die Besatzung sprang per Fallschirm ab, das Flugzeug stürzte ins Feld. Die amerikanischen Soldaten wurden gefangen genommen, per Traktor und Wagen auf den Kirchplatz gebracht, von wo sie nach Eschwege transportiert werden sollten. Adolf: „Ich habe direkt dabei gestanden und habe gehört, wie die Gefangenen um Wasser bettelten: „Water. Water, please! „Der damaligen Bürgermeister wollte ihnen etwas geben, doch die Nazis haben es ihm aus der Hand geschlagen.“ Der Bürgermeister wurde am nächsten Tag abberufen, von den Amerikanern aber später wieder eingesetzt.

Ein fanatischer Ortsgruppenleiter, so Adolf in seinem Beitrag, „wollte hier in Waldkappel in diesen Tagen noch den Krieg gewinnen“, hatte kurz vor Kriegsende Mitglieder der SS-Schule Eisenach zur Verteidigung geholt und ließ Panzersperren bauen. „Bescheuerte Idee!“ Wegen der Verteidigungsabsicht ließ der Ortsgruppenleiter am 30. März 1945 Waldkappel räumen.

Adolf: „Wir haben einen Handwagen gepackt, zogen zu viert nach oben raus in die Russenhecke: Mutter, Vater, meine Schwester und ich. Immer wieder mussten wir wegen der Fliegerangriffe in die Büsche flüchten. Die haben auf alles geschossen, was sie sahen.“ Dann die schreckliche Zugexplosion (wir berichteten), nachdem die beiden US-Bomber den Munitionszug beschossen. Adolf, gerade zehn Jahre alt: „Wir waren an der Russenhecke fast auf gleicher Höhe mit dem Bahnhof. Es gab einen Donner, eine Stichflamme und einen Luftdruck, der mich umgehauen hat. Es war so schlimm, dass einem die Lungen hätten platzen können. Ich lag da und wusste nicht, was los war“. Zum Glück kamen die Eltern zurück, die zu Hause noch einmal nach dem Vieh gesehen hatten, beruhigten die Kinder.

Die Explosion riss einen fast 400 Meter langen tiefen Graben auf. Mindestens 40 Menschen verloren ihr Leben. Adolf: „Es war furchtbar anzuschauen!“ Im Ort wurden fast alle Häuser abgedeckt, alle Fenster beschädigt. Den Rest erledigten die Amerikaner mit ihrem Beschuss der Stadt, der der sich noch wehrenden Eisenacher SS-Einheit galt. Die Familie kam zunächst bei Verwandten unter. Ein befreundeter Jagdpächter schenkte der Familie eine hölzerne Jagdhütte, die sie im Garten aufbauten „und bis 1954 darin wohnten.“ Adolfs Familie verlor trotz der folgenden schweren Jahre den Humor nicht: „Hitler hatte uns eine sonnige Wohnung versprochen – die haben wir dann ja auch gekriegt. Aber wir waren ja froh, überhaupt eine Unterkunft zu haben!“

Edda

Edda war zwei Jahre alt, als ihre Familie von Mönchehof bei Kassel 1942 nach Waldkappel zog. Eddas Mutter hatte Heimweh nach Gehau, wo ihre Eltern wohnten, die dort eine kleine Gastwirtschaft betrieben. In Waldkappel bewohnte die zugezogene Familie am Bahnhof ein kleines Einfamilienhaus, nur wenige Meter vom Bahnhofsgebäude entfernt. Die Kinder beobachteten am Ostersonntag gegen 16.55 Uhr das Explosions-Unglück am Bahnhof Waldkappel, allerdings vom Haus der Tante in Rechtebach aus.

Edda, damals fünf Jahre alt: „Wir Kinder haben die roten Flammen gesehen, aber wir hatten keine Ahnung, was da passierte.“ Aber sie bekamen es zu spüren, denn „die Wucht der Explosion war auch in Rechtebach noch so enorm, dass Fensterscheiben herausflogen.“ Ganz wichtig: Es wurde niemand verletzt.

Edda verschweigt nicht, dass ihr Vater August Nazi war: „Ich sage das nicht gerne, aber es war so.“ In der Familie, so Edda, gab es deswegen viele Diskussionen. Der Vater arbeitete in Kassel bei Henschel, einem damals „kriegswichtigen Betrieb“, musste deshalb kein Soldat werden. Vom Haus der Familie nahe beim Bahnhof, war nach der großen Explosion auch nur noch ein großes Trümmerloch zu sehen. Eddas Vater rettete aus den Trümmern einige Möbelteile, zimmerte daraus zwei Betten, in denen die Familie in den ersten Tagen nach dem Unglück schlief.

Die schrecklichen Erlebnisse hinterließen bei Edda bleibende Eindrücke: „Ich habe ständig große Angst gehabt. Meine Mutter konnte hingehen, wo sie wollte, ich habe sie ständig an der Schürze festgehalten und wollte sie nicht mehr loslassen.“ Nur langsam beruhigte sich Edda.

Ein weiteres Erlebnis: Einmal kam ein betrunkener Amerikaner ins Haus ihrer Patentante, schoss neben dem Großvater in den Boden. Die Patentante lenkte den US-Mann aber mit einer Roten Wurst ab und ein schnell herbei geholter Amerikaner beruhigte seinen Landsmann. Später ging die Familie nach Rechtebach, wohnte in zwei Zimmern bis 1952 zur Miete, ehe sie nach Waldkappel zog.

Wilhelm Brill

Nach diesen Erlebnissen noch ein Beitrag aus diesen letzten Kriegstagen, der den Recherchen von Hermann Friske entnommen ist. Er berichtet, dass alliierte Flieger den Waldkappeler Bahnhof bereits einen Tag vorher, am 30. März (Karfreitag), angriffen und beschossen.

Am nächsten Morgen die Schreckensnachricht: Die Bewohner sollten schnellstens die Häuser räumen, weil eine halbe Stunde später von der Wehrmacht die in der Nähe stehende Eisenbahnbrücke (Viadukt) gesprengt und Waldkappel verteidigt werden sollte.

Zur Sprengung kam es nicht, weil der Waldkappeler Wilhelm Brill, der beobachtete, wie das Sprengkommando zwei Sprengkörper an der Brücke anbrachte, sich anschlich, bei beiden Bomben hinter dem Rücken der Wachen heimlich die Zünder entfernte, sodass die Brücke nicht mehr gesprengt werden konnte. Später vernichteten amerikanische Spezialisten die Bomben, die Brücke blieb bis heute stehen.

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