Ohne Zuhause

Sie bieten Obdachlosen Unterschlupf - drei Gemeinden schließen sich zusammen

Drei Männer stehen vor einem Haus.
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Drei Bürgermeister, die sich einig sind: (von links) Finn Thomsen aus Großalmerode mit den Hausschlüsseln, Frank Koch aus Waldkappel und Michael Heußner aus Hessisch Lichtenau vor dem Feuerwehrgerätehaus in Friemen. In dem Obergeschoss des Gebäudes soll Obdachlosen Unterschlupf geboten werden.

Wenn in Deutschland Menschen obdachlos werden, dann ist es die Pflicht der Kommunen, ihnen einen Unterschlupf zu bieten.

Friemen – Die Städte Hessisch Lichtenau, Großalmerode und Waldkappel arbeiten in dieser Hinsicht nun zusammen: Seit mehreren Jahren steht über dem Feuerwehrgerätehaus im Waldkappeler Stadtteil Friemen Wohnraum von 100 Quadratmetern leer, der Familien oder Einzelpersonen künftig Unterschlupf bieten soll.

„Obdachlosigkeit sucht sich niemand aus, es ist ein Thema, um das wir uns zwingend zu kümmern haben“, sagt Michael Heußner, Bürgermeister von Hessisch Lichtenau. Niemand wolle, dass ein Mensch ohne Dach über dem Kopf am Morgen bei minus zehn Grad erfroren aufgefunden werde.

„Wir haben jetzt die Chance genutzt, kommunenübergreifend zusammenzuarbeiten, weil dreifache Kosten entstehen, wenn jede Stadt solchen Wohnraum vorhalten muss. So teilen wir uns nun die Unterkunft und unterhalten sie gemeinsam“, sagt Großalmerodes Bürgermeister Finn Thomsen. Zustande gekommen sei die Idee bereits vor einer ganzen Weile bei einem Treffen des Bäderverbundes, dem alle drei Städte angehören.

„Die Wohnung ist momentan die einzige, die für Obdachlose in der Stadt Waldkappel verfügbar ist“, sagt Waldkappels Bürgermeister Frank Koch.

Bis 2017 sei sie noch vermietet gewesen, um das fortzuführen, hätte wieder sehr viel hergerichtet werden müssen, so Koch.

„Von der Familie, die wegen einer Zwangsräumung aus ihrer Wohnung muss, bis zur Einzelperson, die auf der Durchreise ist, ist alles dabei“, sagt Michael Heußner zu den Menschen, die eine solche Unterkunft in Anspruch nehmen. Nur wenige würden allerdings aus der eigenen Stadt kommen. In Hessisch Lichtenau sei es beispielsweise so, dass viele Menschen mit der Straßenbahn aus Baunatal und Kassel eintreffen würden.

An die Stadt Großalmerode hätte sich der letzte Obdachlose vor gut einem Jahr gewendet, so Bürgermeister Finn Thomsen. „Wir haben derzeit einen Raum in einem Gebäude an der Bahnhofstraße, weil das aber sanierungsbedürftig ist, möchten wir es veräußern“, so Thomsen weiter.

Die Stadt Hessisch Lichtenau hat eine Wohnung als Unterschlupf dauerhaft angemietet und noch eine weitere in einer städtischen Liegenschaft. Diese sei aber bereits seit Jahren belegt. „Deswegen bin ich froh, hier eine weitere Möglichkeit gefunden zu haben“, so Heußner.

Eine Sache ist für die Bürgermeister aber auch klar: Es geht nicht darum, schönen Wohnraum zu schaffen und zum dauerhaften Bleiben zu motivieren. Vielmehr sei der Wohnraum dafür da, Menschen in einer absoluten Notsituation zu helfen. Niemand solle in den drei Städten unfreiwillig auf der Straße oder unter einer Brücke leben müssen, sondern eben auch bei tiefster Kälte einen Raum vorfinden, der beheizbar ist und die Mindestanforderungen erfüllt.

Umsonst ist die Unterkunft in dem Feuerwehrgerätehaus in Friemen übrigens grundsätzlich nicht. Laut Großalmerodes Bürgermeister Finn Thomsen wird in der Regel ein Ausgleichsbetrag festgesetzt. Der Tagessatz liegt hierbei zwischen fünf und acht Euro.

FRAGEN UND ANTWORTEN: Kommunen müssen Schutz gewähren

Wie wird Obdachlosigkeit in Deutschland vor dem Gesetz behandelt und welche Standards müssen die Unterkünfte für die Menschen in Not haben? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie wird Obdachlosigkeit in Deutschland vom Gesetz definiert?

Vor dem Gesetz wird in Deutschland zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Obdachlosigkeit unterschieden.

Wann spricht man von einer freiwlligen Obdachlosigkeit?

Freiwillig obdachlos sind Personen, die mit voller Absicht unter freiem Himmel leben. Ihre Entscheidung, ohne Dach über dem Kopf leben zu wollen, ist Ausdruck der Wahrnehmung der Handlungsfreiheit jeder Person und vom Grundgesetz geschützt.

Viele Gemeinden in Deutschland reglementieren das Übernachten oder Wohnen im öffentlichen Raum allerdings mithilfe der Polizeiverordnung und sprechen Bußgelder aus.

Wann handelt es sich in Deutschland um eine unfreiwillige Obdachlosigkeit?

Unfreiwillig obdachlos sind die Menschen, die nicht Tag und Nacht über eine Unterkunft verfügen, die vor dem Wetter schützt und Raum für die notwendigsten Lebensbedürfnisse lässt. Rechtlich gefährdet die unfreiwillige Obdachlosigkeit die Garantie der Menschenwürde, das Recht auf Leben, auf Gesundheit sowie körperliche Unversehrtheit.

Besteht für die Kommunen in Deutschland eine Pflicht, Menschen in Notsituationen unterzubringen?

Ja, Städte und Gemeinden in Deutschland müssen Personen, die sich finanziell beziehungsweise persönlichkeitsbedingt nicht selbst eine Unterkunft verschaffen können, auf Antrag eine vorläufige Unterkunft einfacher Art zur Verfügung stellen.

Welchen Anforderungen muss die Unterkunft für Obdachlose in Deutschland entsprechen?

Die Unterkunft muss nicht den allgemeinen Anforderungen an eine Mietwohnung entsprechen, da sie von vornherein nur eine Notlösung darstellt und auf eine Woche oder wenige Monate ausgelegt ist. Es besteht somit nur Anspruch auf eine Unterbringung einfacher Art ohne jeglichen Komfort.

Laut dem geltenden Recht in Deutschland ist eine Obdachlosenunterkunft ausreichend, wenn sie Schutz vor Witterung, Raum für die notwendigsten Lebensbedürfnisse sowie einen beheizbaren Aufenthaltsraum bietet. Auch sollten Hausratsgegenstände wie ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, eine Möglichkeit zum Kochen und eine Waschstelle vorhanden sein.

Fließend heißes Wasser sowie die Möglichkeit von Fernseh-, Radio- oder Internetempfang gehören nicht zu den Anforderungen, die an eine Unterkunft für Obdachlose gestellt werden. (Von Maurice Morth)

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