Brand-Katastrophen und prominente Besucher

Waldkappel früher und heute: Hier blühte einst der Handel

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Aufnahmen aus dem Jahr 1938, in denen sich Waldkappel als Luftkurort und Stadt am Walde präsentierte. (Von links im Uhrzeigersinn) Stadtansicht mit Kirche, die Hindenburgstraße, das Hotel Deutsches Haus und der Vorläufer des Schwimmbads.

Ein Streifzug durch die Geschichte der Stadt Waldkappel, die vor allem im Mittelalter, an einer bekannten Handelsstraße gelegen, eine wirtschaftliche Blüte erlebte.

Ursprünglich hieß die Stadt nur Kappel, und so nennen sie die Einwohner und Nachbarn auch heute noch. Wegen der waldreichen Umgebung, aber auch, um die Stadt von anderen Orten gleichen Namens - wie etwa  Spießkappel im Schwalm-Eder-Kreis - unterscheiden zu können, wurde aus Kappel bald Waldkappel.

Stadtrechte seit dem Jahr 1414

Seine Entstehung, so vermuten die Geschichtsforscher, verdankt Waldkappel vermutlich einer auf dem Frauenberge (Friedhof) angelegten Kapelle, um die sich dann erste Gehöfte ansiedelten. Die vom Kupferstecher Matthäus Merian 1664 gebrauchte Schreibweise „Waldtcappell“ (Wald-Kapelle) lässt Ähnliches vermuten. 1226 erstmals urkundlich erwähnt, wurden 1414 dem Ort nach dem Zuzug vieler Bürger die Stadtrechte verliehen. 1821, vor 198 Jahren, wurde Waldkappel dem Landkreis Eschwege zugeteilt. 1895 hatte die Stadt 1144 Einwohner. Im Rahmen der hessischen Gebietsreform wurden ab 1971 fünfzehn umliegende Ortschaften in die Stadt eingegliedert, deren Bevölkerung auf 4309 Einwohner stieg (Stand 31. Dez. 2017).

Der Eschweger Lehrer und Geschichtsforscher Heinrich Bierwirth befasst sich in seiner 1897 erschienenen „Heimatkunde des Kreises Eschwege“ sehr ausführlich mit der Waldkappeler Geschichte. Die ausgedehnte Waldkappeler Gemarkung dieser Zeit, nur etwas kleiner als die der Eschweger, erklärt er mit dem Anschluss der Feldmarken einiger umliegender Wüstungen, die sich in den damals unsicheren Zeiten der Stadt anschlossen (Niederrechtebach, Wolfsthal, Wehre). Die Bewohner der kleinen Stadt lebten fast ausschließlich vom Ackerbau und Handwerk.

Brand-Katastrophen: Dreimal ging Waldkappel fast unter

Die Stadt hatte einige schwere Schläge zu verkraften. Dreimal ging fast der ganze Ort in Flammen auf. Erstmals 1534, als sich Landgraf Philipp zu einer fünfjährigen Steuerfreiheit für die Bewohner veranlasst sah. Am Karfreitag 1637, während des Dreißigjährigen Krieges, steckten die plündernden Kroaten die Stadt an. Nur zwei Scheunen blieben stehen, von 184 Ehepaaren kehrten nur noch 21 in die Stadt zurück, die anfangs in den Kellern der abgebrannten Häuser lebten. Das dritte Brandunglück erlebte die Stadt am 25./26 Oktober 1854, als sich ein Scheunenbrand durch starken Wind rasend schnell ausbreitete. Von 128 Wohnhäusern blieben nur 40 verschont. Bierwirth schrieb: „Mehrere Menschen versanken infolge der Schrecken in Geistesirre.“

Zweimal brannte auch die 1479-1501 erbaute Pfarrkirche zum Heiligen Georg aus. Aber die hessischen Kurfürsten und die in und um Waldkappel ansässigen Adelsgeschlechter von Cappel und von Schlutwigsdorf, aber auch die von Boyneburg-Hohenstein unterstützten Kirche und Einwohner beim Wiederaufbau. Nach dem Brand von 1854 nutzten die Stadtväter die Gelegenheit, einen neuen Stadtplan mit geraderen und breiteren Straßen umzusetzen, die noch heute so bestehen.

Handelsstraßen sorgten in Waldkappel für wirtschaftliche Blüte

Waldkappel erlebte aber auch erfreuliche Abschnitte in seiner langen Geschichte. So eine wirtschaftliche Blüte im späten Mittelalter, die die Stadt der Mittelpunkt-Lage an den alten Handelsstraßen verdankt, die sich hier kreuzten. So die „Frankfurt-Leipziger“, die von der Wetterau und Treysa über Eschwege nach Mühlhausen und Eisenach nach Leipzig führte. Da diese Straße am längsten durch hessisches Gebiet führte, wurde sie auch „durch die langen Hessen“ genannt. Ebenso bedeutend die „Kassel-Mühlhäuser“, die in die „Frankfurt-Leipziger“ mündete und über Westfalen bis nach Holland führte.

Aufnahmen aus heutiger Zeit: Kirche, darunter das Hotel Deutsches Haus, die Hindenburgstraße, und das Schwimmbad.

Der Frachtverkehr auf diesen Straßen war so bedeutend, dass die hessischen Kurfürsten die Fuhrwerke durch Geleitsreiter bewachen ließen. Auf den Straßen bewegten sich auch Heereszüge. Sehr oft nutzten fürstliche Reisende wie Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, ein Freund von Landgraf Philipp, „mit einem Gefolge von 179 Pferden“ Waldkappel als Nachtquartier. Der lebhafte Verkehr brachte den Cappeler Wirten, Kaufleuten, Bäckern und Schmieden reiche Gewinne, der Handel in Waldkappel blühte. Aus der Stadt stammende Fuhrleute brachten Frachten bis nach Holland.

Bescheidener Wohlstand in der Stadt, in der sich sogar einige Handelsunternehmen gründeten. So das von Lorenz Goßmann, der laut Geschichtsforscher Bierwirth „ein so bedeutendes Geschäft hatte, wie man es heute (also 1897) selten selbst in Großstädten findet“. Sein Lager enthielt Waren im Wert von 114 000 Talern. Auch Landgraf Moritz und Gattin kauften bei Goßmann: 1621 waren es Waren im Wert von 2500 Talern.

Prominente Waldkappel-Besucher: Luther und Goethe

Auch von prominenten Besuchern oder Durchreisenden berichten Geschichtsschreiber. Eine Gedenktafel an der Kirche erinnert daran, dass der Reformator Martin Luther 1521 auf dem Weg von Wittenberg zum Reichstag nach Worms am 28. September und auf dem Rückweg am 7. Oktober zum zweiten Mal in Waldkappel übernachtete. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe lobte am 21. August in seinem Reisetagebuch: „Waldkappel, ein kleines Landstädtchen mit einer schönen Kirche“. Ob er hier übernachtete, ist nicht überliefert.

Eine Postkarten-Aufnahme der Stadt aus dem Jahr 1915: Im Hintergrund ist der Viadukt der Eisenbahnlinie Leinefelde-Treysa zu erkennen.

Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), der dem Wohlstand ein jähes Ende bereitete, ging der Wiederaufbau kleinerer Städte wie Waldkappel nur langsam voran. Aber immer mehr Menschen zogen in die Städte, die bis ins 20. Jahrhundert hinein sogenannte Ackerbürgerstädte waren, deren Bürger ein bescheidenes Leben fristeten, sich neben der Landwirtschaft aber auch mit Handel und Gewerbe beschäftigten. Auch das 19. Jahrhundert mit den Jahren der Franzosenzeit, als Eschwege zum Königreich Westfalen gehörte, und die Kurfürstenzeit (1866) brachten keine nennenswerte Besserung.

Eisenbahn verkehrte bis 1985

Mit dem Ausbau der Eisenbahnstrecke Leinefelde-Kassel (1879), die über Eschwege und Waldkappel führte, rückte Waldkappel wieder mehr in den Mittelpunkt. Das schreckliche Unglück, als am 31. März 1945 nach Fliegerbeschuss im Bahnhof Waldkappel ein ganzer Munitionszug explodierte, forderte 17 Menschenleben. Die Bahnhofsgebäude wurden zerstört. Nach dem Weltkrieg endete der wieder aufgenommene Regionalverkehr von Eschwege über Waldkappel nach Kassel mit dem letzten Zug am 31. Mai 1985. Seitdem stört kein Zuggeratter mehr die beschauliche Ruhe des kleinen Städtchens.

Von Siegfried Furchert

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